1. #1
    Avatar von DMW007
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    Viele Menschen haben eines oder sogar mehrere Konten bei Internet-Großkonzernen wie Google, Facebook, Twitter, Microsoft oder Apple. An den Konten hängen immer mehr Dienste und Daten. Bei Google, Microsoft und Apple beispielsweise auch Clouddienste. Oder sogar der Zugang zum PC, wenn man sich dort ebenfalls mit einen Onlinekonto anmeldet. Gerade Microsoft drängt dies den Nutzern gerade zu auf. Es wird immer schwieriger, Windows 10 ohne Microsoft-Konto zu installieren. Zwar bringt das Konto bequemlichkeit, aber auch einige Nachteile. Der Datenschutz verschlechtert sich etwa noch tiefergehend.

    Auf den ersten Blick weniger offensichtlich: Man begibt sich in eine Abhängigkeit. Ist das Microsoft-Konto nicht mehr nutzbar, kann man sich im schlimmsten Falle nicht mal mehr am Computer anmelden. Mit einem lokalen Konto wäre das problemlos möglich. In der Süddeutschen habe ich einen Artikel gefunden, der zeigt, wie schnell so ein Szenario passieren könnte: Eine fast 40 Jahre alte Frau wird von Facebook als zu jung eingestuft. Dies geschieht automatisiert von Algorithmen, die völlig intransparent sind. Nur Facebook - wenn überhaupt - weiß, warum das der Fall war. Das Konto wurde gesperrt, die Frau soll persönliche Ausweisdokumente an Facebook schicken. Von der Datenschutzproblematik, solche sensiblen Informationen an ein solches Unternehmen zu senden, mal abgesehen.

    Auch Golem wurden etliche Fälle von Microsoft-Konten zusammengetragen: MS erlaubt sich das Recht, dies jederzeit ohne Vorwarnung zu sperren. Nicht mal ein Grund wird genannt, selbst Klärungsversuche gestalten sich als schwierig. Besonders dreist: Nicht nur alle Daten des Kontos sind weg. Vorhandene kostenpflichtige Abos laufen weiter, da man Zugriff auf das Microsoft-Konto braucht, um diese zu kündigen. Als Fazit wird den Nutzern geraten, Windows 10 mit einem lokalen Konto zu nutzen und möglichst einen weiten Bogen um die Cloud-Accounts zu machen.

    Wie schnell und unverschuldet so etwas passieren kann, zeigt Google: 2019 hatten Zuschauer einen Livestream mit Smileys kommentiert. Die Google-Algorithmen erkannten darin einen Spamversuch und sperrte hunderte legitime Konten. Andere Nutzer berichten, wie das Konto über Nacht gesperrt wurde ohne jegliche Informationen, was sie falsch gemacht haben. Wer sich z.B. auf GMail verlassen hat, kann nicht mehr auf seine E-Mails zugreifen. Für einen Arbeitslosen der zahlreiche Bewerbungen mit dieser Adresse versendet hat, ein ernstes Problem.

    Eine weitere Feststellung: Betroffene merken ihre Abhängigkeit oft erst, wenn es zu spät ist. Wie viele Online-Konten nutzt ihr, welche (wichtigen) Daten liegen darin?
    Seid ihr möglicherweise selbst bereits Opfer eines übereifrigen KI-Algorithmus geworden, der euer Konto gesperrt hat? Konnte der Zugriff wiedererlangt werden?

  2. The Following User Says Thank You to DMW007 For This Useful Post:

    Darkfield (04.04.2021)

  3. #2
    Avatar von DMW007
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    Darf Facebook einfach so Konten sperren? Laut dem jünsten Urteil des Bundesgerichtshofs nein: Vor einer drohenden Sperrung muss der jeweilige Nutzer informiert werden. Außerdem muss Facebook eine Möglichkeit bereitstellen, sodass der betroffene sich äußern kann. Wenn Facebook einen Beitrag aufgrund von Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen löscht, muss der Autor zumindest im Nachgang darüber informiert werden.

    Der Hintergrund ist eine Klage zweier Nutzer aus dem Jahre 2018. Sie schrieben zwei abwertende Beiträge über Muslime. Der Knackpunkt hierbei: Laut BGH waren beide Texte noch von der Meinungsfreiheit gedeckt. Facebook geht mit seinen "Gemeinschaftsstandards" aber darüber hinaus und verbietet darin Inhalte, die nach deutschem Recht nicht strafbar sind. Der BGH sieht hier einen Konflikt zwischen dem Grundrecht der klagenden Nutzer und dem Hausrecht des Betreibers.

    Das Urteil erscheint daher wie eine Art Kompromiss, um beide Interessen zu berücksichtigen: Facebook darf zwar grundsätzlich löschen und sperren, muss aber den Nutzer informieren bzw. vor einer Sperrung seinen Standpunkt anhören. Lustig finde ich ja, wie Facebooks Anwalt argumentiert: Es gäbe hunderte Fälle pro Tag, da jeden auch noch anzuhören bevor man den Bannhammer schwingt sei "vollständig unpraktikabel"!!!111einself. Äh, bitte was? Ihr habt 2020 einen Gewinn (nicht Umsatz!) von über 29 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Und da soll es nicht möglich sein, ein paar Mitarbeiter einzustellen, um sich ans Gesetz zu halten? WTF?!

    Die Leute einfach zu sperren ist natürlich einfacher und billiger. Vor allem, wenn das auch noch automatisiert ist. Da kommen wir der Wahrheit wohl schon näher. Für den Nutzer heißt das, man bekommt ein kleines bisschen mehr Rechte. Ob sich das 1:1 auf andere Konten ausweiten wird? Also z.B. Google oder Microsoft nun auch erst mal sagen müssen, welches Problem sie haben und was ich dazu sage, wenn sie sperren wollen? Wäre ein großer Fortschritt, aber bezweifle ich.

    Schauen wir mal, wie sich das in der Praxis entwickelt. Das Urteil ist ziemlich frisch. Facebook sagt bisher nur, sie wollen das gründlich überprüfen.

  4. The Following User Says Thank You to DMW007 For This Useful Post:

    Darkfield (06.08.2021)

  5. #3
    Avatar von American Psycho
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    Standard AW: Wenn KI Konten sperrt: Wie hoch ist die Abhängigkeit von Online-Konten?

    Ich habe das (zum Glück) noch nicht erleben müssen. Aber ich bekomme solche Fälle von Willkür immer wieder mit.

    Einer größeren Anwaltskanzlei ist es auf Youtube schon passiert, dass ihr Video gesperrt wurde und das Konto einen Strike bekam. Sie verwendeten den Ausschnitt eines Liedes, das war aber von Fair use gedeckt. Es wurde also geoverblockt.
    Durch die Größe konnte das schnell geklärt werden. Es gibt aber auch kleinere Youtuber denen dann nicht nur das Video weg ist. Sondern auch das Konto gefährdet durch das Strikesystem.
    Ich habe es selbst schon gemerkt wie man als Normalo nicht mal jmd erreicht, der kein Bot ist oder keine Standard-Mail. War zwar nicht das Konto bedroht aber das scheint ja ein Systemproblem zu sein.

    Es ist einem nicht so direkt bewusst. Windows verschleiert das auch immer mehr, wo denn die Daten eigentlich wirklich liegen.
    Ich sehe das mittlerweile auch kritisch. Hab meine persönlichen Daten auf einem kleinen Pi mit Platte dran gespeichert. Ext. Cloud kommt nur als Backup und nur geschützt in Frage. Nicht so tragisch, falls die weg ist.

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