Nein, nicht 2-3 Nullen zu viel: Das Medikament Daraprim wurde 2015 um unglaubliche 5.000% teurer. Martin Shkreli erhöhte den Preis von 13,50$ auf 750$ - pro Tablette. Damit steigt die Doku Big Pharma - Die Macht der Konzerne (ZDF, wegen Depublizierungspflicht leider nur bis 23.05.2021 abrufbar) in die Fragestellung ein.

Oberstes Ziel: (Mehr)Geld verdienen, alles andere scheint egal
Herr Shkreli macht sich mit seinen Handlungen und Äußerungen sehr unbeliebt. Auf die Frage, was er anders machen würde, wenn er die Zeit zurück drehen könnte, antwortete er: Wahrscheinlich würde er den Preis noch weiter erhöhen. Denn der Preise habe bei Medikamenten im Gegensatz zu anderen Produkten keinen Einfluss auf die Nachfrage. Dagegen bedeuten höhere Preise mehr Geld für die Aktionäre, was das primäre Ziel eines Konzernes sei. Auch wenn es keiner aussprechen würde, aber das seien die Regeln im Kapitalismus - so begründet Shkreli seine exorbitante Preiserhöhung.

Die Erhöhung war zwar nicht illegal. Im Untersuchungsausschuss wird er angefleht, seinen Einfluss zu nutzen um den Preis wieder zu senken. Er wendet sich ab und lacht nur. Auch als er damit konfrontiert wurde, welche Folgen die Preiserhöhung für Menschen hat, die das Medikament benötigen aber es sich nun nicht mehr leisten können.

Zunehmende Macht der Konzerne
Shkreli steht dadurch sinnbildlich für die Macht, welche die Pharmaindustrie heutzutage hat. Branchenexperten bestätigen dies: Bis vor etwa 10 Jahren stand die Gesundheit der Menschheit mehr im Fokus. Wenn die Aktionäre 3-5% erhielten, war das für die Unternehmen genug. Mittlerweile würden die Preise jedoch teils exorbitant in die Höhe getrieben, um noch mehr Gewinn zu machen.

Große Pharmakonzerne haben zudem in den letzten Jahren immer mehr Konkurrenten aufgekauft. Beispiel: Roche kaufte 40 Unternehmen. Die meisten Medikamente weltweit werden daher von fünf immer größer werdenden Konzernen (auch als "Big Pharma" bezeichnet) produziert.

Werden Nebenwirkungen bewusst verschwiegen?
In der Doku werden Fälle behandelt, bei denen der starke Verdacht bestehet, Nebenwirkungen seien bewusst verschwiegen oder verharmlost worden. Beispiel Appetitzügler Mediator: 30 Jahre lang war er in Frankreich zugelassen, obwohl es früh Anzeichen für gefährliche Nebenwirkungen gab.

In einem anderen Fall weigerte sich der Hersteller, vor den Gefahren für Schwangere zu warnen. Eine betroffene Mutter sagt: "Ich habe das Medikament 2x täglich eingenommen und mein Baby vergiftet". Drei Ärzte äußerten zuvor keine Bedenken für eine Schwangere. Jahrelang kämpft sie für einen Warnhinweis. Der Konzern äußerte tiefstes Mitgefühl für alle Opfer, die Schäden erlitten haben. Doch man sieht sich nicht in der Schuld und möchte erst Schadensersatz leisten, wenn man per Gericht dazu gezwungen wird.

Opiumkrise: Geschäfte mit stark süchtigmachenden Drogen
Seit Jahren werden in den USA immer mehr Schmerzmittel verschrieben, wodurch die wohl größte Opiumkrise entstand. Über 100 Menschen sterben täglich an einer Überdosis. In manchen Bundesstaaten sterben mehr Menschen am Opioidmissbrauch als durch Verkehrsunfälle und Tötungsdelikte zusammen. Mittlerweile laufen tausende (!) Klagen gegen Pharkakonzerne, die solche Medikamente massiv bewerben. Manche davon wirken 100x so stark wie natürliches Opium und machen extrem schnell Abhängig. Erste Unternehmen wurden bereits schuldig gesprochen, widersprechen dem Urteil jedoch. Prognosen gehen davon aus, dass die USA noch mindestens 20 Jahre mit den Folgen dieser Krise kämpfen werden.

Einflussnahme auf Ärzte
Ein Journalist beobachtet das Thema seit 15 Jahren und sieht immer wieder, wie Pharmakonzerne Einfluss auf Ärzte nehmen, damit sie ihre Medikamente verschreiben. Zehntausende Ärzte erhalten Zuwendungen von der Industrie, auch in Deutschland. Recherchen werden bewusst blockiert. Transparenz scheint für viele Konzerne eine Forderung zu sein, wovon abseits eines Werbeversprechens keinen Gebrauch von gemacht werden sollte.

Pushen von (unnötig) teuren Medikamenten
Für manche Krankheiten gibt es verschiedene Medikamente. In einem Beispiel haben zwei Produkte eine vergleichbare Wirksamkeit, dies scheint unumstritten. Der Preisunterschied ist jedoch enorm, teils um den Faktor 10 bis 20. Dennoch wird das deutlich teurere Medikament deutlich öfter verschrieben. Ob dies durch gezielte Lobbyarbeit gegenüber Ärzten geschah, ist nicht belegt. Solche Kosten werden jedoch oft auf die Allgemeinheit verlagert. Müssen Krankenkassen deutlich mehr für Medikamente bezahlen, geben sie diese Kosten in Form von höheren Beiträgen an Ihre Kunden weiter.

Fazit
Die Dokumentation ist mit 1,5h zwar recht lang. Doch sie lässt auch die Gegenseite zu Wort kommen. Teils sogar die kritisierten Medikamentenkonzerne selbst, wobei viele offenbar gar nicht über die Thematik sprechen möchten. Ich finde es einen gelungenen Beitrag, wenn auch an mancher Stelle erschreckend.

Wie denkt ihr, kann man die angesprochenen Probleme lösen?
Sollte der Staat eingreifen, wenn ja wie? Mit z.B. Preisbegrenzungen oder gar eigenen Forschungs- und Produktionslaboren, die gesundheitsorientiert statt gewinnorientiert arbeiten?