Open Source statt Microsoft: Hier irrt sich Schleswig-Holstein!

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Open Source statt Microsoft: Hier irrt sich Schleswig-Holstein!

In Schleswig-Holstein möchte nicht mehr von proprietärer Microsoft-Software abhängig sein. Das Bundesland macht vieles richtig, doch es gibt auch mehrere gewaltige Fehler in ihrer Strategie. Dadurch wird proprietäre Software auf absurde weise beschönigt, zulasten von OSS. Das ist für ein wegweisendes Projekt gefährlich. Klarstellung auf Basis von Fakten tut Not. Das macht dieser Beitrag als Ergänzung zur vorherigen Vorstellung des Open Source Konzepts.

Der Mexit in Schleswig-Holstein

Bereits 2017 einigte sich die damalige Koalition aus Grüne, FDP und CDU auf mehr quelloffene Software. Langfristig soll unfreie proprietäre Software vollständig aus der Landesregierung verbannt werden. Insbesondere im Fokus: Microsoft. Der lange Vorlauf war nötig, da die Microsoft-Umgebung über Jahrzehnte gewachsen ist. Niemand hat sich Gedanken über die Probleme gemacht, die eine solche Abhängigkeit mit sich bringt. Nach längerer Planungsphase begann ab 2023 die Vorbereitung zur konkreten Umsetzung: 2024 startete man mit LibreOffice, es folgte die Ablösung von Microsoft Exchange. Beides ist weitgehend abgeschlossen. Für 2026 ist der Abschied vom proprietären Betriebssystem Microsoft Windows geplant. In diesem Beitrag habe ich die Umstellungen ausführlich vorgestellt. Dafür hatte ich das Strategiepapier gelesen & ein umfassendes Verständnis vom Projekt aufgebaut.

Äpfel-Birnen Vergleich: Auf dem proprietären Auge blind

Viele Feststellungen daraus sind korrekt. Doch manche lassen die Haare zu Berge stehen. In Punkt 2.3 wird festgestellt, dass OSS Abhängigkeiten reduziert. Wenngleich sie nicht zu 100% verschwinden. Wie bei allem anderen auch geht es hier um Risiko-Minimierung. Niemand kann ausschließen, dass man seine Lohnarbeit morgen & übermorgen noch behält. Das Risiko steigt deutlich, wenn man z.B. den Chef beleidigt. Also lässt es jeder vernünftige Mensch bleiben. Wenngleich der Verzicht auf Beleidigungen keine Garantie zur Sicherung des Arbeitsplatzes darstellt.

Ähnlich verhält es sich hier. Beides ist korrekt und sollte klar sein. Ein Hammer kommt im darauf folgenden Absatz:

Die Verwendung von OSS ist mit der Herausforderung verbunden, dass die Entwicklung der Software unerwartet eingestellt werden könnte.

Open Innovation und Open Source Strategie des Landes Schleswig-Holstein

Wie kommt man auf die absurde & völlig realitätsfremde Idee, dieses Problem würde angeblich nur bei quelloffener Software existieren? Selbstverständlich existiert dieses Risiko bei proprietärer Software eben so. Lediglich die Motive sind andere: Kommerzielle Programme werden oft aus finanziellen Motiven eingestellt. Wenn der Gewinn den Entscheidern zu gering ist bzw. sie sich mehr Geld mit etwas anderem versprechen. Windows 10 IoT für den Raspberry Pi ist ein Beispiel, um das sich Microsoft seit Jahren nicht mehr kümmert und es für Windows 11 IoT sogar eingestellt hat – ohne dies wenigstens anzukündigen.

Selbst wenn wir lediglich auf Microsoft als größte Abhängigkeit schauen, ist die Zahl der eingestellten Produkte gigantisch: Derzeit hat der Konzern mindestens 202 Software-Projekte und Dienste beerdigt. Mit Killed by Microsoft wurde eine eigene Webseite gegründet, die ausschließlich Microsofts digitales Abstellgleis sammelt. Einiges davon überraschend. Betroffen sind viele Angebote: Von wenige Jahre jungen Projekten bis hin zu Software, welche sich über 10+ Jahre etabliert hat.

Noch mehr übersehene Risiken unfreier Software

Mit diesen Szenarien kratzen wir immer noch lediglich an der Oberfläche. Was passiert etwa, wenn ein Unternehmen pleite geht?1 Selbst ein möglicherweise geschlossener Langzeitvertrag ist danach das Papier nicht mehr Wert, auf dem er steht. Der Kunde muss schnellstmöglich umstellen – so lange zumindest theoretisch noch jemand bereit steht, der bei der alten unfreien Software helfen kann. Bei umfangreichen Programmen, deren Wechsel Monate bis Jahre dauert, nahezu unmöglich.

Sollte man selbst in die Insolvenz rutschen, begrenzen (Cloud-) Abos den Handlungsspielraum zudem deutlich. Wer einmalig gekaufte Software einsetzt, kann diese zumindest übergangsweise weiter verwenden, bis die finanzielle Lage sich bessert. Wer sich hingegen zum Abo gängeln lässt, wird bei ausbleibender Zahlung abgeschaltet.

Ebenfalls nicht beachtet wurde eine schleppende Weiterentwicklung, weil das Unternehmen z.B. kosten spart oder die Ressourcen woanders mit höherem Rendite-Versprechen investiert. Die Software verkauft man weiter, offiziell besteht auch die Pflege noch. Doch in der Praxis nur eingeschränkt und somit mangelhaft. Was macht der Kunde in dem Fall? Bei quelloffener Software könnte er die Weiterentwicklung selbst übernehmen. Oder alternativ jemanden beauftragen. Mit proprietären Programmen sind die Hände gebunden.

Zahlen, damit das (angeblich) nicht passiert

In dieser Illusion sind sie der Meinung, durch Lizenzzahlungen sich vom Risiko frei kaufen zu können – nur bei proprietärer Software:

Man muss anerkennen, dass die Lizenzzahlungen für proprietäre Software genau dieses Risiko abdecken. Damit werden Entwicklerteams finanziert, die die Software aktuell halten und fortschreiben.

Open Innovation und Open Source Strategie des Landes Schleswig-Holstein

Auch das hat mit der Realität nur sehr wenig zu tun. Bereits die erwähnte Zweckbindung gibt es nicht. Proprietäre Software stammt üblicherweise von Unternehmen, die daraus maximalen Profit heraus holen wollen. Es ist ein Geschäft, bei dem alleine die Zahlen entscheiden, ob und in wie weit sie darin weiter investieren.

VMWare ist nur ein großes Beispiel von vielen, welches diese & die vorherige Aussage widerlegt. Nach der Broadcom-Übernahme haben sie ihre Software zwar weiter gepflegt – wenn man das bei deren Qualität so nennen kann. Aber die Lizenzen um 800% bis 1500% (!!!) verteuert.2 War das erwartet? Wenn betroffene Nutzer „Verachtung und Brutalität“ kritisieren, die beispiellos sei, wage ich die These: Nein, es hat alle überrascht.3 Übrigens sind bereits mehrere Großkunden mit zehntausenden VMs geflohen. Denen wurde dabei erst bewusst, wie gefährlich ihre Abhängigkeit war. Und wie skrupellos der Marktführer die ausgenutzt hat. Mit ihrer neuen Lösung sparen sie nicht nur wegen der explodierenden VMWare Preise bares Geld. Sondern auch durch bessere Software, welche die Effizienz um +200% erhöht haben soll.4

All das ist bereits mehr als umfangreich. Dennoch stellt es nur die Spitze des Eisbergs dar. Unter anderem hat VMware beispielsweise ihr Lizenzmodell komplett über den Haufen geworfen. Dauerhaft gültige Lizenzen wurden eingeschränkt oder komplett abgeschafft, um Kunden zu Abos zu drängen. Obiges Zitat würde besser zu quelloffener statt proprietärer Software passen, wenn man „Lizenzzahlungen“ durch „Spenden“ ersetzt.

Vermeintliche Planungssicherheit am Fall Atlassian

Dazu gibt es bei proprietärer Software durchaus Lizenzmodelle mit weniger Planungssicherheit. Bei Atlassian z.B. kauft man die Nutzungslizenz für die aktuelle Version inklusive 1 Jahr an Aktualisierungen & Support. Danach kann der Hersteller die Weiterentwicklung vertragskonform einstellen. Genau das haben sie gemacht und Server-Lizenzen abgekündigt.5 Betroffene konnten sich im Voraus noch um bis zu 3 weitere Jahre mit Lizenzen eindecken. Anschließend war Server tot und wurde nicht mehr weiterentwickelt, obwohl man bezahlte.

Inzwischen hat der Hersteller die Daumenschrauben sogar noch extremer angezogen. Wer unterwürfig auf die deutlich teureren „DataCenter“ Lizenzen gewechselt hat, steht vor der nächsten Migration. Atlassian hat nämlich nur wenig später angekündigt, auch DataCenter einzustellen & Kunden in ihre Cloud zu zwingen.6 Sogar obwohl der Konzern als Reaktion auf Kundensorgen zuvor noch eindeutig beteuerte, es gäbe keine Pläne dafür.7

To be clear, we have no plans to end of life or end of support for our Data Center offering..

Atlassian zur Zukunft von DataCenter-lizenzen, 2022

Es ist also falsch zu behaupten, durch den Kauf von Lizenzen ist der Kunde pauschal auf der sicheren Seite. Man kann nicht mal behaupten, das Risiko würde sinken. Weil solche Entscheidungen gerade bei Konzern zu 100% vom Profit getrieben sind. Atlassian hat mit den Server-Lizenzen ordentlich Geld verdient. Die wurden nicht eingestellt, weil die keiner haben wollte. Sondern die BWLer haben sich gedacht: Wir haben die Kunden an der Angel. Entweder wechseln die zu DataCenter oder direkt Cloud – beides führt zu deutlich höheren Lizenzkosten. Bei Cloud kommt zusätzlich die noch höhere Abhängigkeit dazu. Entweder gewinnen sie oder bekommen den Jackpot. In der nächsten Eskalationsstufe steht „nur“ noch der Jackpot.

Die bittere Realität

Beachtenswert sind solche Falschaussagen, da es sich eben nicht um ein PR-Papier aus dem Dunstkreis der Konzerne handelt. Dort würde man Verzerrungen, Unsinn & Vertuschung erwarten. Oder schon mal eine Auto-Werbung gesehen, die zeigt, wie ihr mit dem Flitzer im Stau steht? Bis auf einzelne Passagen ist die OS-Strategie von SH aber eben keine PR-Propaganda. Bereits im nächsten Absatz steht sie wieder auf dem Boden der Realität.

Gleichzeitig hat man jedoch auf die Entwicklungsrichtung als Lizenznehmer keinen Einfluss. Das wird derzeit ganz besonders sichtbar bei der Portfoliotransformation vieler Softwarehersteller Richtung Cloud, was auf Herstellerseite von größerem Interesse ist als auf Nutzerseite. Der Weg in die Cloud kann zu noch stärkeren Abhängigkeiten beitragen.

Open Innovation und Open Source Strategie des Landes Schleswig-Holstein

Zwar ist die Formulierung teils extrem vorsichtig gewählt. Als ob der Nutzer ein Interesse daran hätte, durch Cloudzwang noch stärker Abhängig zu werden & mit steigenden Kosten belohnt zu werden. Man stelle sich das in anderen Situationen vor: Die Entwendung des Diebesgutes ist von größerem Interesse bei der Täterseite, als auf der Nutzerseite…

Abgesehen von Formulierung & Relativierung („kann“) zeigen sie zumindest zwischen den Zeilen die großen Probleme im Kern auf. Bei proprietärer Software erwirbt der Kunde nämlich nur eine Nutzungslizenz. Die Software selbst gehört ihm nicht. Das ist kein Detail. Sondern hat zur Konsequenz, dass er eben kein Mitspracherecht hat. Der Hersteller kann morgen eine 180 Grad Wende durchführen, selbst wenn der Kunde das überhaupt nicht möchte.

Kann man z.B. an den künstlich überzogenen Windows 11 Systemanforderungen derzeit sehen. Es ist vergleichbar mit einem online ausgeliehenen Film: Den darf man zu den Bedingungen der Plattform konsumieren. Ein Mitspracherecht für den nächsten Teil erwirbt man damit nicht.

Fazit: Bitte daraus lernen & weiter machen

Teile der Aussagen sind völlig falsch und könnten aus der PR-Abteilung von MS & co. stammen. Daher kritisiere ich sie scharf. Das ist wichtig, weil es ein verzerrtes Bild von proprietärer & OSS erzeugt. Außerdem schockierend, wie derart schwere Mängel unkommentiert stehen geblieben sind. Schließlich geht es dabei um grundsätzliches, keine Kleinigkeiten.

Ebenfalls wichtig finde ich das Migrationsprojekt in SH. Abgesehen von den genannten Mängeln machen sie sehr vieles richtig, technisch & politisch. Unter anderem haben sie korrekt erkannt, dass OSS nur für alle funktioniert, wenn jeder etwas im Rahmen seiner Möglichkeiten beiträgt. Ein essenzieller Punkt, der leider all zu oft vergessen wird. Dabei denke ich immer an die Präsentation von curl: Nahezu jeder Autobauer nutzt es, niemand beteiligt sich an der Weiterentwicklung…

Daher wünsche ich mir, dass SH daraus lernt & zukünftig mehr auf fachliche Gründlichkeit achten. Dann hat SH das Potenzial, ein neues LiMux zu werden. Also ein Vorzeigeprojekt, welches proprietäre Software erfolgreich hinter sich lässt, um zu zeigen: Die ganzen Ausreden sind Unsinn. Wer will, der kann mit FOSS arbeiten. Wer hingegen in Wahrheit Konzernen Millionen in den Rachen werfen möchte, wird dafür Vorwände finden. So wie es in München (leider) funktioniert hat.

Quellen

  1. https://www.computerwoche.de/article/2799284/wenn-it-partner-in-insolvenz-gehen.html ↩︎
  2. https://www.heise.de/news/EU-Cloudanbieter-Broadcom-hat-VMwarelizenzen-um-800-bis-1500-Prozent-verteuert-10394816.html?view=print ↩︎
  3. https://www.golem.de/news/preiserhoehung-bei-vmware-nutzer-kritisieren-verachtung-und-brutalitaet-von-broadcom-2404-184194.html ↩︎
  4. https://www.golem.de/news/vmware-broadcom-verliert-grosskunden-mit-20-000-vms-2412-191429.html ↩︎
  5. https://www.timetoact-group.at/news/atlassian-stellt-den-verkauf-von-server-lizenzen-2021-ein ↩︎
  6. https://www.atlassian.com/blog/announcements/atlassian-ascend ↩︎
  7. https://community.atlassian.com/forums/Data-Center-articles/The-Future-of-Atlassian-Data-Center/ba-p/2006054 ↩︎

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