StartseiteNewsYouTuber „LeFloid“ interviewt Bundeskanzlerin Angela Merkel
YouTuber "LeFloid" im Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (Bild: YouTube/LeFloid)
YouTuber "LeFloid" im Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (Bild: YouTube/LeFloid)

YouTuber „LeFloid“ interviewt Bundeskanzlerin Angela Merkel

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Weder Angela Merkel noch ihre Partei CDU sind bislang dafür bekannt, besonders netzaffin zu sein – Im Gegenteil. 2013 erklärte die Bundeslanzlerin das Internet als „Neuland für uns alle“ – und zog damit unter dem Hashtag #Neuland den Spott der Netzgemeinde auf sich. Doch auf diesem schlechten Image möchte Frau Merkel offensichtlich nicht sitzen bleiben: Sie stellte sich in einem bislang einmaligen YouTube-Interview den Fragen der Zuschauer, welche diese zuvor unter #NetzFragtMerkel posten konnten. Sie erhofft sich, auf diesem Wege auch jünere Zuschauer zu erreichen. Wir haben das Interview angeschaut und die Kernthemen unter die Lupe genommen.

Wer ist LeFloid?

Es handelt sich um den in Deutschland am 3. Häufigsten abonnierten YouTube-Kanals, der von Florian Mundt betrieben wird. Zweimal pro Woche werden dort Videos der Reihe LeNews veröffentlicht, in denen Mundt aktuelle Ereignisse präsentiert und diskutiert. Meist handelt es sich bei den Themen um skurile oder anderweitig auffällige Ereignisse.  Das Format zeichnet sich durch ein sehr lockeres und natürliches auftreten des Moderators aus, worin gleichzeitig der große Unterschied zu herkömmlichen Nachrichtensendungen besteht. LeFloid besitzt aktuell über 2,6 Millionen Abonnenten, seine Videos wurden mehr als 350 Milliarden mal angesehen.

Wer das Interview noch nicht gesehen hat, kann sich im folgenden selbst eine Meinung bilden:

Die Einleitung

Der Lebensstandard wird bislang fast ausschließlich am Bruttoinlandsprodukt gemessen – Also dem Wert aller Waren und Dienstleistungen, die über den Zeitraum von einen Jahr im jeweiligen Land produziert wurden. Die Aussagekraft über die tatsächliche Zufriedenheit ist jedoch gering. Beispielsweise kann Wachstum durch niedrigere Löhne entstehen, was zu Multi-Jobs und somit letztendlich einer geringeren Zufriedenheit führt. Daher wurde der Bürgerdialog eingeführt, um eine bessere Verbindung zwischen Bundesregierung und Bürgern herzustellen. Grundsätzlich eine durchaus sinnvolle und begrüßenswerte Idee.

Homosexuelle sind gleich, aber Heterosexuelle sind gleicher

Das erste große Thema ist die gleichgeschlechtliche Ehe, welches durch die kürzlich in den USA vollzogene vollständige Legalisierung der Homo-Ehe aktuell wieder diskutiert wird. Die Bundeskanzlerin steht diesem Thema zusammen mit CDU und CSU bereits seit geraumer Zeit ablehnend gegenüber. Diese Haltung vertritt sie auch im Interview, verwickelt sich damit aber in Widersprüche: „[…] Ich bin erst mal jemand der sehr stark dafür ist, dass wir alle Diskriminierung abbauen […]“ sagt sie Anfangs, gefolgt von „[…] Wo immer wir noch Diskriminierung finden, werden wir die auch weiter abbauen“. Allerdings sieht Sie die Ehe als eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau an.

LeFloid hat die vorsichtige Ausdrucksweise der Kanzlerin richtig gedeutet und fragt explizit nach, wieso dieser Unterschied gemacht wird. Dies rechtfertigt die Kanzlerin mit ihrer persönlichen Meinung, welche zu akzeptieren wäre sowie dem Schlussatz „Keine Diskriminierung – Ehe als Zusammenleben von Mann und Frau“ Mit anderen Worten: Gleichgeschlechtliche Paare werden geduldet, aber dürfen nicht heiraten. Damit werden sie als Ehepaare 2. Klasse diskriminiert. Wie ist diese Haltung vertretbar, nachdem sich die Bundeskanzlerin wenige Minuten zuvor noch explizit und mehrfach für den Abbau von Diskriminierung ausspricht? Sehr schade, dass LeFloid auf diesen Widerspruch nicht weiter eingeht, sondern das Thema abhakt.

Ausländerhass

In jünster Zeit macht sich eine zunehmend negative, teilweise sogar feindliche Haltung gegenüber Ausländern bemerkbar. Organisationen wie PEGIDA oder Brandanschläge auf Flüchtlingsheime sind dafür nur einige Beispiele. LeFloid spricht das Thema an und kritisiert die Medien, insbesondere nationalsozialistische Vorfälle herunterzuspielen. Als Beispiel nennt er eine Menschenmasse, die lautstark Hitlerparolen verbreitet und in den Printmedien als Asylgegner bezeichnet werden. Mit der Antwort „Da glaube ich scheuen wir uns aber auch nicht politisch zu sagen: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus – Das wird alles benannt und muss auch benannt werden […]“ weicht sie der Frage, die sich auf die Medien bezieht, aus.

Globaler Spionageskandal: NSA & co.

Der globale Überwachungs- und Spionageskandal zieht sich nun seit bald zwei Jahren hin. Die Regierung spielt das Thema nach wie vor herunter. Und das obwohl jüngste Erkenntnisse den Verdacht erhärten, dass Staatsorgane bereits vor den Enthüllungen über illegale Tätigkeiten informiert waren. LeFloid fragt die Kanzlerin, ob sich ihre Meinung über Whistleblower nach den heutigen Erkenntnissen geändert habe. Sie verneint dies und drückt ihre nicht übermäßig hohe Begeisterung über Snowden und Konsorten auch an dieser Stelle sehr dezent mir sorgfältig gewählten Worten aus: „[…] Ich finde, dass man da nach einem Modus vorgeht, als wenn der Zweck sozusagen alle Mittel heiligt. Ich finde, das ist nicht in Ordnung. Ich habe nicht umsonst gesagt: Abhören unter Freunden, das geht nicht. […]“.

Die Wiederholung des letzten Satzes überrascht – Hat diese Aussage ihre Glaubwürdigkeit doch bereits auf peinliche Art herabgesetzt als bekannt wurde, dass der Deutsche Geheimdienst BND nicht davor zurückschreckt Freunde wie die Türkei oder sogar USA zu bespitzeln. Doch sie fährt eben so unverhofft vor: „Ich finde im übrigen, dass das was man an Informationen aus so etwas herauskriegt echt nicht die Sache wert ist dass man dafür so viel abhört, und da gibt es gravierende Unterschiede zwischen uns und den Vereinigten Staaten“. Auch dies steht im Widerspruch zu Ihrer Haltung, etwas gegen die anlasslose Überwachung von Deutschen Bürgern durch die USA zu unternehmen.

Um diese Frage gar nicht erst aufkommen zu lassen, liefert Sie auch gleich die Begründung hinterher: Wir wären auf die Zusammenarbeit mit anderen Diensten angewiesen. Und außerdem würden andere neben den Amerikanern schließlich ebenfalls überwachen. Letzteres ist ein universell nutzbares Totschlagargument, mit dem wohl sicher jeder Grundschüler schon mal eine schlechte Schulnote zu erklären versucht hat. Und selbst wenn die Zusammenarbeit für Deutschland zwingend notwendig ist: Das ist kein Grund, nichts zu unternehmen. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA komplett einzustellen wäre angesichts der besonderen Härte dieses Skandales sicher nicht unangemessen. Solch ein radikaler Schritt wäre aber zumindest am Anfang auch gar nicht nötig. Dennoch ist es völlig inakzeptabel nicht mal ernsthafte Versuche zu unternehmen – Selbst die Amerikaner wundern sich schon darüber.

In diesem Kontext wirkt es gerade zu ironisch, dass die Bundeskanzlerin etwas später einen „vernünftigen Datenschutz [für Deutschland]“ als wichtig bezeichnet. Auch an dieser Stelle schade, dass LeFloid sich mit diesen blumigen Aussagen abspeisen lässt und selbst bei offensichtlichen Widersprüchen nicht weiter nachhakt.

Bundesweit einheitliches Abitur

Abitur ist nicht gleich Abitur in Deutschland: Abhängig vom Bundesland ist der höchste Schulabschluss unterschiedlich stark angesehen, beispielsweise bei Bewerbungen um einen Studienplatz. Da LeFloids Zuschauer überwiegend eher jünger sind ist es nicht verwunderlich, dass viele endlich ein bundesweit einheitliches Abitur fordern. Konkrete Pläne gibt es in der Hinsicht jedoch laut Merkel immer noch nicht. Sie verweist stattdessen darauf, dass manche Länder bereits hinsichtlich der Abiturfragen zusammenarbeiten. Dies ist zwar ein guter Schritt für den Anfang. Aber vollständig lösen wird sich das Problem auf diese Art nicht lassen.

TTIP: Das Freihandelsabkommen

Bereits seit 2013 sorgt das Transatlantische Freihandelsabkommen, bekannt unter der Abkürzung TTIP, für Aufregung. Die im Geheimen stattfindenden Verhandlungen sind neben schwammigen Formulierungen sowie die überwiegende Anwesenheit von Wirtschaftsvertretern und Lobbyisten die schärfsten Kritikpunkte. Aber auch der Investitionsschutz ist umstritten. Nach dem könnten beispielsweise Tabakkonzerne den Staat verklagen, wenn ihre Gewinnerwartungen durch Nichtraucherschutz-Maßnahmen sinken.

Aussagen von Frau Merkel wie „Nichts an dem was wir als Standards in Europa haben wird jetzt abgesenkt, damit wir ein schönes Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika haben“ erscheinen mehr als fragwürdig wenn man sich die teils komplett gegensätzlichen Verfahrensprinzipien betrachtet. Beim Thema Gentechnik gilt in Europa beispielsweise das sogenannte Vorsorgeprinzip: Genmanipulierte Pflanzen werden erst dann zugelassen, wenn ihre Sicherheit eindeutig bewiesen ist. In den USA wird dies genau anders herum gehandhabt: Jede gentechnisch veränderte Pflanze wird erst einmal als sicher betrachtet, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Um keine Standards abzusenken müssten die deutlich höheren EU-Standards also von den nordamerikanischen Länder übernommen werden. Die Aussichten auf einen so massiven Eingriff scheinen unrealistisch. Zumal dies nicht die einzigen Probleme von TTIP sind – Auf alle ausführlich einzugehen würde den Rahmen an dieser Stelle bei weitem sprengen. Darüber verliert Frau Merkel aber natürlich kein Wort, im Gegenteil: „Es wird ja nicht so im Verborgenen verhandelt“ entgegnet Sie. Außerdem wirft die Bundeskanzlerin den Gegnern vor, durch TTIP höhere Standards durchsetzen zu wollen, als bislang existieren. LeFloid ließ sich davon leider um den Finger wickeln und hakt nicht nach.

Contra Cannabis-Legalisierung

Auch die seit längerem geforderte Legalisierung von Cannabis wurde angesprochen. Wie zu erwarten war wurde dies von Frau Merkel abgelehnt: Sie akzeptiert Marihuana nur für ärztliche Zwecke und selbst dort nur in dem sehr eingeschränkten Rahmen wie derzeit erlaubt. Damit war das Thema aber auch schon erledigt – Wichtige Aspekte in dieser Thematik wie etwa das Verhältnis zu legalen Drogen oder die Verschwendung von Steuergeldern zur Verfolgung von Konsumenten die ein paar Gramm für den Eigenbedarf besitzen wurden überhaupt nicht angesprochen.

Fazit

Ein Interview zwischen einem recht jungen YouTube-Star und der Bundeskanzlerin von Deutschland – Das gab es bisher noch nicht und weckt hohe Erwartungen. Leider wurde nicht das gesamte mögliche Potenzial ausgeschöpft. Im wesentlichen gibt es meiner Ansicht nach zwei große Kritikpunkte:

1. Zu viele Themen

Man merkt dem Interview an, dass LeFloid versucht hat, möglichst viele Themen unterzubringen. Gegenüber seiner Community ist dies begrüßenswert. Aber bei gut 30 Minuten Zeit für im Prinzip alle Probleme Deutschlands führt dies unweigerlich dazu, dass wichtige Themen nur angeschnitten werden. Beim Thema Cannabis sieht man dies sehr deutlich: Die Bundeskanzlerin lehnt ab und schon wird zum nächsten Thema übergeschwenkt – ohne auch nur ein Argument zu nennen geschweige denn die Kernpunkte des Themas zu diskutieren. Andere Themen werden ausführlicher behandelt, aber auch dort klaffen größere Lücken. Es wäre der Qualität definitiv zugute gekommen, das Interview auf 2 bis allerhöchstens 3 Themen zu reduzieren. Diese hätten dann in einer zumindest ansatzweise angemessenen Ausführlichkeit behandelt werden können.

2. Mehr aktives Nachhaken

Gerade wenn sich die Bundeskanzlerin in offensichtliche Widersprüche verwickelt wie beim Thema Homo-Ehe wäre es angebracht gewesen nachzufragen und auf konkrete Antworten zu warten. An einigen Stellen hat Frau Merkel die gestellten Fragen zudem gar nicht beantwortet, sondern ist geschickt auf andere Aspekte eingegangen um vom eigentlichen Thema abzulenken.

Bei aller Kritik sollte aber nicht vergessen werden: LeFloid ist weder Journalist oder Politiker, noch hat er großartig Erfahrung mit Interviews. Frau Merkel dagegen hat nicht nur in unzähligen Interviews und Reden sehr viel Erfahrung sammeln können – Insbesondere wie man unangenehmen Fragen aus dem Weg geht. Dies hat Sie einmal mehr bewiesen. Noch dazu ist es natürlich immer deutlich einfacher, ein solches Video später in Ruhe zu analysieren, als es im Moment des Geschehens besser zu machen.

Auch wenn Merkel viel geredet und wenig gesagt hat und daher einiges zu Recht kritisiert werden kann: Als erstes Interview ist es eine durchaus akzeptable Leistung, die nicht schlecht geredet zu werden braucht – Insbesondere nicht durch massive Beleidigungen und Beschimpfungen, wie sie teilweise im Netz als Reaktion zu finden sind. Denn das ist definitiv keine angemessene Form von Kritik.

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2 Kommentare

  1. Win win Situation für LeFleud und Bundeskanzlerin Angela Merkel. LeFleuds Bekanntheitsgrad steigt durch das Interview, gleichzeitig erhoft sich die Bundeskanzlerin durch LeFleud zugang zu den Jungen Menschen, den zukünftigen Wählern.

    • Danke für den Hinweis aufs Interview. Immer wieder interessant zu sehen, wie Politiker fragen geschickt ausweichen können. Denke aber mal hier kommt Frau Merkel besser weg als bei der #merkelstreichelt-„Affäre“.

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