Unser Nachbar möchte digital souverän werden – und zwar im großen Stil. Bis 2027 soll die quelloffene Software „Visio“ bei sämtlichen staatlichen Diensten des Landes zum Einsatz kommen. Sogar ein Verbot von US-Diensten für Videokonferenzen ist geplant. Doch es geht nicht nur um zukünftige Visionen. 2019 startete mit Tchap bereits ein eigener staatlicher Messenger als unabhängige Alternative zu Diensten wie WhatsApp oder Telegram.
In Deutschland kommt der Weg zur Unabhängigkeit dagegen nur äußerst schleppend voran. Manche Bundesländer wollen sich sogar 2026 in noch tiefere Abhängigkeiten von Microsoft & Co. begeben. Was können wir von den Franzosen lernen, um endlich ins Handeln zu kommen?
Warum Frankreich WhatsApp & Co. nicht vertraut
Im privaten Umfeld haben sich Dienste wie WhatsApp, Signal, Telegram und weitere längst stark verbreitet. Sie unterscheiden sich bei Sicherheit & Datenschutz erheblich. Gemeinsam haben sie die Abhängigkeit von zentralisierten Plattformen. Das möchte die französische Regierung vermeiden, ebenso proprietäre Software. Durch den Betrieb auf eigenen Servern möchte sie die Kontrolle über Infrastruktur & Daten zurückerlangen, statt sie ausländischen Anbietern anzuvertrauen.
Die US-Gesetze sind ein weiteres Problem. Seit Jahren werden die Abkommen zum Datentransfer immer wieder vom Europäischen Gerichtshof gekippt: 2015 Safe Harbor, 2020 Privacy Shield. Der EuGH sah dabei insbesondere keinen ausreichenden Schutz europäischer Daten vor dem Zugriff amerikanischer Behörden und Geheimdienste. Auch gegen das 2023 vorgestellte „EU-US Data Privacy Framework“ laufen Klagen. Mit rein europäischen Lösungen lassen sich solche zusätzlichen rechtlichen Risiken vermeiden.
Tchap als souveräner Messenger
Für die Franzosen war klar: Die Plattform musste offen, interoperabel und unter eigener Kontrolle betreibbar sein. Zudem hat quelloffene Software weitere Vorteile. Sie kann flexibel an die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Einrichtungen angepasst werden – gleichzeitig ist die Kommunikation über Behördengrenzen hinweg möglich. Somit kontrolliert Frankreich die Infrastruktur, ohne dabei neue Silos zu schaffen.
Die Wahl fiel daher auf das offene, dezentrale Kommunikationsprotokoll Matrix als Grundlage für Tchap. Bereits im März 2020 hatte die knapp ein Jahr zuvor gestartete Plattform rund 80.000 täglich aktive Nutzer. Sie ließ sich erheblich skalieren: Bei der pandemiebedingten Umstellung auf Heimarbeit verdoppelten sich die Nutzerzahlen von Tchap in nur wenigen Wochen auf 160.000.1 Über 80 % davon berichteten von großen Vorteilen. Die damals geplante Ausweitung auf 300.000 Nutzer ist inzwischen längst übertroffen: Im Januar 2026 wurde es von 400.000 monatlich aktiven Nutzern verwendet.2 Inzwischen setzen mehr als 600.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes auf Tchap.3

Videokonferenzen sollen mit Visio ebenfalls unabhängig werden
Doch das war erst der Anfang. Telefon- und Videokonferenzen sind im Arbeitsalltag allgegenwärtig. Allerdings kamen verschiedene externe Dienste aus den USA zum Einsatz. Dies möchte Frankreich als nächstes angehen. Ihre Antwort: Visio.4
Dabei handelt es sich um die staatlich betriebene Instanz von „La Suite Meet“, einem quelloffenen Projekt für Videokonferenzen – ebenfalls von der ressortübergreifenden Digitaldirektion entwickelt. Es baut auf der Open Source Echtzeitkommunikationsplattform LiveKit auf. Somit musste die Entwicklung nicht von null auf beginnen, sondern konnte auf bestehende FOSS-Lösungen aufbauen. Der Quellcode steht auf GitHub unter der sehr liberalen MIT-Lizenz öffentlich zur Verfügung.5 Jeder kann damit seine eigene Instanz betreiben und den Quellcode auf Wunsch anpassen.
„La Suite Meet“ bietet viele gängige Funktionen – das Ziel ist, auf Augenhöhe mit den proprietären Diensten zu liegen: Mehrere Bildschirme teilen, sicherer Chat, Aufzeichnen der Konferenzen, Transkribieren, Integration von Telefonie sowie weitere Funktionen. Außerdem wurde es für mehr als 100 Personen in einem einzigen Anruf optimiert. Die Nutzung ist zudem nicht nur auf Mitarbeiter des Staatsdienstes beschränkt – externe Teilnehmer können auf Einladung ohne Konto beitreten.
Bei „KI“-Funktionen setzt Frankreich auf heimische Technologie: Die Sprechererkennung der Transkription stammt vom französischen Start-up „Pyannote“. Für Live-Untertitel kommt Technologie des Pariser „KI“-Forschungslabor „Kyutai“ zum Einsatz.

Visio wird zum Standard: Freie Software statt Abhängigkeit
Neben den Funktionen entscheidet das Konzept darüber, ob diese tatsächlich eingesetzt wird. Im Januar 2026 kündigte die französische Regierung an, Visio bis 2027 auf sämtliche staatliche Dienste auszurollen. Der Premierminister forderte die Ministerien sogar bereits zu einem Wechsel zum Jahresende 2026 auf.6 Die Software soll zum einheitlichen Videokonferenzwerkzeug der Staatsbediensteten werden. Das Ziel ist klar: Man möchte die Verwendung von außereuropäischen Lösungen beenden.
Zuvor nutzten die Verwaltungen eine Vielzahl verschiedener externer Dienste – darunter Teams, Zoom, GoTo Meeting und Webex. Als Probleme und Risikofaktoren werden die strategische Abhängigkeit von externen Infrastrukturen, Gefährdung der Datensicherheit, Mehrkosten sowie die erschwerte Zusammenarbeit zwischen den Ministerien genannt.78
Ausdrücklich sind vier große Behörden für die Umstellung im ersten Quartal 2026 genannt:
- CNRS: Französisches nationales Forschungszentrum mit 34.000 Beschäftigten sowie weitere 120.000 in angeschlossenen Forschungseinheiten, Zoom wurde hier bereits durch Visio ersetzt
- Assurance Maladie: Staatliche Krankenversicherung
- DGFiP: Französische Generaldirektion für öffentliche Finanzen
- Ministère des Armées: Verteidigungsministerium
Dieses Projekt ist ein konkretes Beispiel für den Willen des Premierministers und der Regierung, unsere digitale Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Wir können nicht das Risiko eingehen, dass unser wissenschaftlicher Austausch, unsere sensiblen Daten und unsere strategischen Innovationen nicht-europäischen Akteuren ausgesetzt werden. Digitale Souveränität ist zugleich eine Notwendigkeit für unsere öffentlichen Dienste, eine Chance für unsere Unternehmen und eine Absicherung gegen zukünftige Bedrohungen.
David Amiel, beigeordneter Minister für den öffentlichen Dienst und die Staatsreform (eigene Übersetzung)
Die Daten bleiben in Frankreich
Frei/quelloffene Software wie „La Suite Meet“ ist die Grundlage für Unabhängigkeit. Aber wo stehen die Server und wer betreibt sie? Würde man dafür die großen Cloudanbieter wie Google, Microsoft Azure oder AWS (Amazon) einsetzen, hätte die Regierung zwar mehr Kontrolle über die Software. Die Abhängigkeit auf Ebene der Infrastruktur, die Problematik des US-Rechtsraums sowie Risiken für die Daten blieben jedoch bestehen.
Frankreich hat dieses Problem erkannt und setzt auf OUTSCALE. Das Tochterunternehmen von Dassault Systèmes ist ein französischer Hoster. Somit ist Visio nicht nur von der Software unabhängig. Auch die Infrastruktur soll unter nationaler Kontrolle bleiben und vor außereuropäischen Rechtszugriffen geschützt sein. Visio darf sogar für sensible Daten im Sinne von Art. 31 des französischen SREN-Gesetzes verwendet werden. Es ist lediglich für als „Diffusion Restreinte“ klassifizierte Inhalte sowie Gesundheitsdaten noch ungeeignet, da die hierfür erforderliche HDS-Zertifizierung fehlt.
LaSuite vereint aufeinander abgestimmte Tools, die in Frankreich (SecNumCloud) gehostet werden und ein hohes Maß an Sicherheit sowie eine kontrollierte öffentliche Governance bieten.
Auszug aus der Visio-Webseite (eigene Übersetzung)
Die SecNumCloud-Qualifizierung wird von der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI vergeben und stellt hohe Anforderungen an Sicherheit und Schutz vor außereuropäischen Rechtszugriffen.
Die Spitze des Eisbergs: Viel mehr, als „nur“ Visio
Bemerkenswert ist, dass es sich keineswegs um einzelne, isolierte Werkzeuge handelt. Tchap & Visio sind Teil von „LaSuite“, einem umfangreichen Softwarepaket für den „offenen & souveränen Arbeitsplatz“. Es kommt bereits bei über 500.000 Beschäftigten in 15 verschiedenen Ministerien und weiteren Verwaltungen monatlich zum Einsatz.910
Unter anderem gehören folgende weitere Komponenten zu LaSuite:
- Docs: Ermöglicht das Erstellen, Bearbeiten & Teilen von Dokumenten sowie Präsentationen
- Grist: Umfangreiches Tabellen- und Datenbankwerkzeug zur gemeinsamen Verwaltung & Auswertung von Daten
- Fichiers: Speichern & teilen von alltäglichen Dateien
- France Transfert: Ein Werkzeug zum Senden & Empfangen großer Dateien
- Messagerie: E-Mail Client, der die Bedürfnisse von öffentlichen Bediensteten abdecken soll
Sie bilden den Kern von LaSuite und setzen konsequent auf frei verfügbaren Quellcode. Manche wie Docs bieten sogar einen öffentlich erreichbaren Demo-Server – so lässt sich die Software im Browser bequem ausprobieren. Die einzelnen Werkzeuge sollen dabei nicht zu neuen Silos werden: Durch Integrationen entsteht zunehmend ein zusammenhängender Arbeitsplatz. Außerdem arbeitet die französische Regierung an der Entwicklung einer Reihe weiterer Projekte.

Souveränität ermöglicht erhebliche Einsparungen
Nach rund einem Jahr als Pilotprojekt hatte Visio Anfang 2026 bereits 40.000 regelmäßige Nutzer. Anschließend begann der Rollout für 200.000 Staatsbedienstete. Neben Sicherheit, Datenschutz & Unabhängigkeit profitieren die Franzosen von erheblich geringeren Kosten: Nach Berechnungen der Regierung spart der Wechsel von kostenpflichtigen Diensten zu Visio jährlich eine Million Euro je 100.000 umgestellten Anwendern ein.
Alleine die letzte Ausweitung auf 200.000 Nutzer würde somit rechnerisch bereits 2 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Doch Frankreich plant eine viel umfangreichere Ablösung: Bis 2027 sollen insgesamt rund 2,5 Millionen Staatsbedienstete von externen US-Diensten wie Teams, Zoom, Webex und GoTo Meeting zum hauseigenen Visio wechseln.11 Überträgt man die Kalkulation der Regierung auf alle 2,5 Millionen geplanten Umsteiger, ergibt sich rechnerisch sogar ein Einsparpotenzial von bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr – nur durch Videokonferenzen.
Frankreich schließt auch die Fenster und noch vieles mehr
Während das bereits beeindruckende Dimensionen sind, geht das Land noch deutlich weiter. Im April 2026 kündigte die ressortübergreifende Digitaldirektion DINUM an, Windows auf ihren Arbeitsplätzen zugunsten von GNU/Linux zu verlassen. Damit soll es jedoch nicht getan sein: Die Regierung verpflichtet sämtliche Ministerien und ihre nachgeordneten Einrichtungen, bis Herbst eigene Pläne zur Verringerung außereuropäischer digitaler Abhängigkeiten vorzulegen.1213
Betroffen ist der gesamte IT-Stack. Die Regierung nennt ausdrücklich Arbeitsplätze, Software zur Zusammenarbeit, Antivirenprogramme, „KI“, Datenbanken, Virtualisierung und Netzwerkausrüstung. Konkrete Ziele sowie Zeitpläne sollen nach einer staatlichen Bestandsaufnahme festgelegt werden.
Deutschland will souverän werden – Bayern macht sich noch abhängiger
Hierzulande möchte man ebenfalls souverän werden & auf offene Schnittstellen setzen. Mehrere Regierungen haben dies als Ziel in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. So auch die Bundesregierung unter Friedrich Merz. Auf dem Gipfel zur digitalen Souveränität Europas betonte der Kanzler Ende 2025 erneut: Europa müsse im digitalen Raum auf Offenheit und Unabhängigkeit setzen.14
[…] Wir haben die Störungen bei zwei der drei großen Cloud-Anbietern und die Lieferengpässe bei wesentlichen Chips in den letzten Wochen gesehen. Diese Störungen zeigen, dass wir von digitalen Technologien sowohl aus China als auch aus den Vereinigten Staaten von Amerika abhängig sind. Wir erleben ganz unmittelbar und direkt, wie diese Abhängigkeiten machtpolitisch eingesetzt werden. Deshalb meine ich, und deshalb ist es unsere gemeinsame Überzeugung, dass Europa in vereinter Kraftanstrengung einen eigenen digitalen Weg gehen und dass dieser Weg in die digitale Souveränität führen muss – jedenfalls überall dort, wo es notwendig und wo es erreichbar ist. […]
Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Rede auf dem Gipfel zur Digitalen Souveränität, November 2025
In Bayern scheint das noch immer nicht angekommen zu sein: Das Bundesland testet inzwischen zwar souveräne Alternativen, bleibt aber in erheblichem Umfang von Microsoft abhängig. Sogar ein Ausbau war geplant. Die Bürger kostet das sehr viel Geld. Nur von 2020 – 2025 hat der Freistaat über 258 Millionen Steuergelder für Microsoft ausgegeben. Im selben Zeitraum haben sich die Ausgaben für die Abos der Microsoft 365 Cloud-Dienste des Konzerns von 8,8 auf 18,3 Millionen mehr als verdoppelt. Weiterhin ist kein Ende in Sicht. 2026 – 2027 sollen mehr als hundert Millionen zusätzlich bezahlt werden. Bis 2027 summieren sich die Kosten auf voraussichtlich 360 Millionen Euro.15
Besonders verwunderlich ist das angesichts der selbst gesetzten Ziele, die als Widerspruch betrachtet werden können. Bayern hat sich bereits 2022 selbst zur digitalen Handlungsfähigkeit verpflichtet und wollte dafür auf quelloffene Software setzen, soweit dies wirtschaftlich und zweckmäßig ist. Ein weiterer Kritikpunkt: Eine notwendige Gesamtbedarfs- und Kostenermittlung steht nach Angaben des Finanzministeriums bislang noch aus – trotz gestiegener Ausgaben.
Neue Rekordkosten beim Bund: Die Ausgaben steigen und steigen
Bayern ist unter den Bundesländern ein extremes Negativbeispiel. Doch auch der Bund gibt immer mehr Geld für Microsoft-Lizenzen sowie Cloudabos aus: 481,4 Millionen Euro waren es im Jahr 2025. Abermals ein neuer Rekord nach 347,7 Millionen Euro im Vorjahr 2024 sowie 274,1 Millionen 2023. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.
Außerdem muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da die Bundesregierung keine Zahlen zu den Kosten sämtlicher Länder und Kommunen erhebt. Somit bleibt unklar, wie viele Steuermittel auf sämtlichen Ebenen Deutschlands jedes Jahr an den US-Konzern fließen.
Warum ist Frankreich viel erfolgreicher als wir?

Deutschland steht zwar nicht mit komplett leeren Händen da. Mit dem ZenDiS haben wir ein eigenes Zentrum für Digitale Souveränität, welches sich u.a. um openDesk kümmert: Ein Büropaket, das verschiedene quelloffene Programme zu einem souveränen Arbeitsplatz bündelt – ähnlich wie LaSuite in Frankreich. OpenDesk wird inzwischen in verschiedenen Behörden eingesetzt und erprobt. Obwohl diese und weitere Projekte bereits seit Jahren existieren, sind wir von einer Verbreitung wie in Frankreich weit entfernt: OpenDesk läuft bislang auf über 80.000 Arbeitsplätzen in der Verwaltung.
Beim Vergleich fallen vor allem zwei Unterschiede auf: Frankreich hat eine Strategie, deren Umsetzung bereits vor längerem begonnen hat. Tchap beispielsweise entstand bereits 2019. Donald Trumps zweite Amtszeit war für Frankreich nicht der Startschuss – viele Probleme sind spätestens seit den Snowden-Enthüllungen ab 2013 bekannt. Sie wirkte vielmehr wie ein Weckruf, das Tempo deutlich zu erhöhen.
Grund Nummer 2: Eine konsequente, durchdachte und vor allem zeitnahe Umsetzung. Visios experimenteller Start begann Anfang 2025. Im darauffolgenden Jahr hatte Visio bereits 40.000 regelmäßige Nutzer und wurde anschließend für 200.000 Staatsbedienstete ausgerollt.
Vom Pilotprojekt bis zur landesweiten staatlichen Verfügbarkeit liegen damit gerade einmal rund drei Jahre – dabei kommt Frankreich zugute, dass der Staat wesentlich zentraler organisiert ist. In Deutschland trifft der Bund auf 16 Bundesländer und tausende Kommunen – mit jeweils eigenen IT-Dienstleistern, Beschaffungsverfahren, Fachverfahren sowie unterschiedlichen politischen Mehrheiten.
Was können wir lernen?
Genau das ist bei uns noch unzureichend. Zwar fordert Merz auf dem Digitalgipfel Souveränität & Co – doch wo bleibt die konkrete Umsetzung? Eine mit Frankreich vergleichbare bundesweite Strategie mit konkreten Abhängigkeiten, Alternativen und Fristen existiert bislang nicht. Vage Forderungen und Ziele liefern bestenfalls vage Ergebnisse. Frankreich dagegen hat ein klares Ziel, aus dem ebenso klare Maßnahmen abgeleitet werden. Zusammen mit einem Zeithorizont steht bereits der grobe Plan.
Ebenfalls wichtig ist es, die Nutzer angemessen abzuholen. Frankreich versucht nicht, eine funktional abgespeckte Lösung zu erzwingen. Sondern orientiert sich beim Funktionsumfang bewusst an kommerziellen Plattformen, die Nutzer gewohnt sind. Das erhöht die Chance auf Akzeptanz üblicherweise deutlich – statt den Nährboden für Widerstand zu liefern.
Das DINUM übernimmt als ressortübergreifende Digitaldirektion des französischen Staats die Entwicklung inklusive Koordination. Mehrere staatliche Großanwender gestalten und finanzieren die gemeinsame Entwicklung mit – statt jeder für sich. Die europäische Zusammenarbeit begann bereits 2023. Deutschland stieg 2024 ein, die Niederlande folgten 2025. Bei Docs entwickeln die Länder inzwischen auf einer gemeinsamen Codebasis – finanziert aus nationalen Budgets sowie EU-Mitteln.
Außerdem reicht es nicht, lediglich einzelne Programme oder Dienste auszutauschen. Sondern es muss das Gesamtpaket betrachtet werden, bis hin zur Infrastruktur. Deutschland hat durchaus Bausteine, auf denen man aufbauen kann. Was fehlt, ist die verbindliche Skalierung. Technik alleine ist die Basis, doch sie muss auch eingesetzt werden.
Fazit
Konkrete Planung und Taten statt bloß Worte – so kann Frankreichs Strategie in einem Satz zusammengefasst werden. Beides ist dabei erfrischend weitsichtig: Man möchte echte Souveränität, aber dabei kein französisches Silo schaffen. Die entwickelten Werkzeuge sind quelloffen und können gemeinsam mit anderen europäischen Staaten weiterentwickelt werden. Während Deutschland leider bereits bei der Einführung von FOSS vergleichsweise abgeschlagen ist, wäre es auf EU-Ebene am besten aufgehoben. Schließlich unterscheidet sich ein französischer oder niederländischer Arbeitsplatz nicht grundsätzlich von einem deutschen.
Frankreich handelt zwar relativ spät – dafür nun konsequent. Ihr Bekenntnis zu staatlicher Souveränität ist glaubhaft. Leuchtturmprojekte wie Schleswig-Holstein sind ein seltener Lichtblick in Deutschland. Der erste Schritt muss daher eine nationale Strategie sein. Warum investieren wir hunderte Millionen Euro in Microsoft-Lizenzen, statt mit diesem Geld gemeinsam mit Frankreich und anderen europäischen Partnern offene Alternativen weiterzuentwickeln?
Quellen
- https://element.io/de/case-studies/tchap ↩︎
- https://interoperable-europe.ec.europa.eu/sites/default/files/file-visibility/resource/2026-03/national-policy-brief-tchap_0_0.pdf ↩︎
- https://tchap.numerique.gouv.fr/ ↩︎
- https://lasuite.numerique.gouv.fr/produits/visio ↩︎
- https://github.com/suitenumerique/meet ↩︎
- https://www.ft.com/content/4914b8d9-4066-4d5d-ade0-50364b3c68e4 ↩︎
- https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/frankreich-beamte-sollen-auf-us-videoplattformen-wie-teams-oder-zoom-verzichten-a-d625e228-3792-454a-9177-1602e1a5a538 ↩︎
- https://presse.economie.gouv.fr/souverainete-numerique-letat-generalise-visio-sa-solution-de-visioconference-securisee-et-souveraine-a-destination-des-agents-publics/ ↩︎
- https://lasuite.numerique.gouv.fr/ ↩︎
- https://github.com/suitenumerique ↩︎
- https://apnews.com/article/europe-digital-sovereignty-big-tech-9f5388b68a0648514cebc8d92f682060 ↩︎
- https://www.numerique.gouv.fr/sinformer/espace-presse/souverainete-numerique-reduction-dependances-extra-europeennes/ ↩︎
- https://www.heise.de/news/Frankreichs-Plan-Weg-von-Windows-hin-zu-Linux-11251566.html ↩︎
- https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bk-rede-digitale-souveraenitaet-2394406 ↩︎
- https://www.welt.de/regionales/bayern/article6a73f20e3013d32d67881b7a/bayern-zahlt-rund-360-millionen-euro-an-microsoft.html ↩︎
