Linux in München: Warum scheiterte LiMux wirklich?

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Linux in München: Warum scheiterte LiMux wirklich?

Offiziell scheiterte LiMux an Linux. Zumindest behaupteten das Münchner Politiker, als sie 2017 die Rückkehr zu Microsoft beschlossen. Doch zahlreiche Fakten widersprechen dieser Darstellung. Selbst die offizielle Untersuchung kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. Vieles deutet darauf hin, dass es keine technische Frage oder Entscheidung war. Sondern der Wechsel zu Microsoft bereits beschlossen gewesen ist, bevor die Ursachen feststanden.

Wie konnte das passieren? München gelang als erste deutsche Großstadt der Ausstieg aus der Microsoft-Abhängigkeit: Linux in München, kurz LiMux, genoss international hohes Ansehen für diesen Schritt. Lange Zeit schien dies ein großer Erfolg zu sein. Dennoch beschloss die Stadt die Rückkehr zu Windows. Dieser Artikel geht den Ursachen auf den Grund und trennt politische Behauptungen von den tatsächlichen Erkenntnissen. Vor allem klärt er, warum ausgerechnet der Pinguin dafür verantwortlich gemacht wurde.

Wenn Microsofts CEO wegen dem Bürgermeister von München seinen Skiurlaub unterbricht

Dass Microsofts CEO wegen eines deutschen Bürgermeisters seinen Skiurlaub unterbricht, passiert nicht alle Tage. Doch dies geschah Anfang der 2000er Jahre. Alles begann mit Microsoft: München setzte voll darauf, damals Windows NT 4.0. Doch als es 2002 bzw 2004 (kommerziell) eingestellt werden sollte, kam eine böse Überraschung. Der Nachfolger Windows 2000 forderte weitaus höhere Anforderungen – München hätte etwa 14.000 funktionsfähige PCs austauschen müssen. Neben den hohen Kosten wurde dem damaligen Oberbürgermeister Christian Ude die starke Abhängigkeit bewusst. Ab 2001 suchte München daher nach Alternativen. Kurz darauf war der Wechsel zu freier, quelloffener Software auf Basis von GNU/Linux beschlossen.

Microsoft zeigte sich daraufhin derart alarmiert, dass der damalige CEO Steve Ballmer persönlich während seines Urlaubs nach München reiste. Mit Millionenrabatten versuchte dieser, den Wechsel zu freier Software zu verhindern – vergeblich. Später besuchte ihn Microsoft-Gründer Bill Gates persönlich. Doch Münchens Oberbürgermeister blieb hart: Er wollte Unabhängigkeit, statt kurzfristiger Einsparungen. Einige Jahre später sind tausende PCs auf GNU/Linux migriert – und damit unabhängig von großen Konzernen geworden. Die Mitarbeiter arbeiten mit freier Software wie LibreOffice, Firefox & Co. Umso erstaunlicher ist, dass München wenige Jahre später dennoch die Rückkehr zu Microsoft beschloss.

2014 ist der Anfang vom Ende für LiMux

Lange Zeit deutete nichts darauf hin, dass LiMux vor dem Aus stand. Mehr als ein Jahrzehnt lang lief die Umstellung – und die Verwaltung von München nutzte GNU/Linux. Es wurde zum internationalen Vorzeigeprojekt für digitale Unabhängigkeit. Nachdem die letzte Amtszeit von Christian Ude (SPD) 2014 endete, wurde die CSU nach einer langen Pause zurück in der Landesregierung gewählt. Die Partei war schon bei der Einführung von LiMux dagegen, sich von einem Monopolisten abzuwenden. Und setzte diese Kritik nun durch. Das weltweite Vorzeigeprojekt wurde zum Problem erklärt.

Anfangs war der Regierungspartner SPD gegen eine Rolle rückwärts. Doch vollzog einen bemerkenswerten Richtungswechsel. Ude beschrieb das so: 2013 feierte man sich noch für die eigene Pionierleistung. Ein Jahr später war die 180 Grad-Wende vollzogen – sie wollte GNU/Linux zusammen mit der CSU wieder abschaffen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Plötzlich gemeinsam gegen Open Source

München wurde ab 2014 von einer Doppelspitze regiert. Dieter Reiter (SPD) widersprach der Darstellung als „Microsoft-Fan“ nicht. Zeitgleich stellte er LiMux immer wieder in Frage. Beispielsweise wurde die verzögerte Bereitstellung von Smartphones kritisiert und mit dem Ablauf bei Privatanwendern verglichen, die ein sofort funktionierendes Gerät im Laden kaufen. Mit quelloffener Software hatte das nichts zu tun – was ihn jedoch nicht davon abhielt, diese von Anfang an zu kritisieren.1

Der zweite Bürgermeister Josef Schmid aus der CSU beteiligte sich am Sturm der Kritik gegen Linux. Selbst auf Nachfrage konnte er allerdings seine scharfen Angriffe, warum GNU/Linux daran schuld sein soll, nicht begründen. Der CSU-Politiker forderte stattdessen eine genaue Prüfung, „welche Schwachstellen das System warum hat und wie respektive ob diese behoben werden können“. Das hinderte Schmid allerdings nicht, noch vor dieser Analyse LiMux erneut scharf zu kritisieren. Er behauptete u.a., es habe „deutliche Schwächen“ und würde um Jahre hinterherhinken. All dies äußerte er ohne konkrete Details oder gar Belege.2

IT-Chef: Probleme haben nichts mit GNU/Linux oder Windows zu tun

Eine sachliche Einordnung liefert Robert Kotulek, der IT-Chef von München, im Interview mit c’t.3 In München wurden veraltete Versionen von quelloffener Software wie Thunderbird, Firefox und OpenOffice eingesetzt. Das kann zu Frust bei Anwendern führen, etwa durch bekannte Fehler oder fehlende Funktionen. Die Probleme waren bekannt und es gab bereits Pläne zur Behebung.

Das Argument der Smartphone-Probleme entkräftet er: Mobilgeräte erhielten Restriktionen. Solche Beschränkungen sind in Unternehmen gängig, um Sicherheit & Vertraulichkeit sicherzustellen. Mit der Technik hat das wenig zu tun, zumal diese gar nicht unter GNU/Linux laufen. Aus Nutzersicht mag dies umständlich erscheinen, weil derartige Einschränkungen privat nicht existieren. Doch in staatlichen Behörden wird mit teils sensiblen Daten gearbeitet, die besonderen Schutz erfordern.

Heise fragte explizit danach, welche Kritik der Bürgermeister sich tatsächlich auf LiMux bzw. quelloffene Software bezieht:

Beide Themenbereiche haben ursächlich nichts mit der Frage LiMux oder Microsoft zu tun.

Robert Kotulek

Wo dagegen eine weitere Ursache zu finden ist, wird bei einer weiteren Frage deutlich. Dort sagt er, dass sich der Gedanke einer einheitlichen IT erst noch entwickeln müsse. Andere Stellen zeigten, wie viele IT-Dienstleister beteiligt sind. Die sich gegenseitig die Schuld zuschieben – statt das Problem im Sinne der Nutzer zu lösen.

Kotulek betrachtet das Thema sehr nüchtern und erachtet es als wichtig, die Beschwerden der Anwender zu prüfen. Werden Mängel erkannt, sollen sie verbessert werden. Allerdings erzielt keine Organisation eine Zufriedenheit von 100% unter den Anwendern. Dazu zitiert er eine damalige Studie unter mittleren und großen Unternehmen: 60% gaben an, ihre IT-Arbeitsumgebung für „nicht zeitgemäß“ zu halten. Manche Kritik lässt sich nicht lösen – etwa, weil aus Sicherheitsgründen kompliziertere Abläufe mit Prüfungen oder Einschränkungen notwendig sind.

Parallel liefen weitere umfangreiche Umstellungen

Gestützt wird dies durch den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Open Source Business Alliance (OSBA). Er weist darauf hin, dass zudem nicht „nur“ Windows durch GNU/Linux ersetzt wurde. Sondern eine Neuordnung der gesamten IT-Infrastruktur der Stadt ebenfalls anstand. Umfangreiche Umstellungen führen in der Praxis zu Schwierigkeiten. Prozesse sind anfangs unbekannt, werden falsch oder gar nicht ausgeführt – das ist üblich.

Wie konnte man wissen, dass GNU/Linux die Ursache war? Eine Differenzierung anhand der möglichen Ursachen fand jedoch nicht statt. Sondern sämtliche Probleme wurden schlicht ebenfalls auf LiMux geschoben – auch jene aus der Neuordnung. Für Nutzer mag das nachvollziehbar sein. Ihnen fehlt oft das Hintergrundwissen. Sie merken nur: Windows ist weg, seit LiMux läuft es schlechter. Und schließen daraus, dass es wohl daran liegt.4

Welchen Einfluss hatte Microsofts neuer Firmensitz?

Ende 2013 gab Microsoft bekannt, mit ihrem Hauptsitz nach München-Schwabig umzuziehen.56 Eine Entscheidung, die mit dem Ende von LiMux zusammen hängt? Der Chef von Microsoft Deutschland dementierte präventiv, der Kontakt zur Münchner Stadtspitze habe keine Rolle gespielt:

Das Verhältnis sei „neutral“, wenn auch immer noch ein wenig getrübt durch die 2003 gefasste Entscheidung der Landeshauptstadt, statt mit Microsoft künftig mit Linux-Rechnern zu arbeiten. Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) sei an den Gesprächen nicht beteiligt gewesen, betonte Illek.

Dieter Reiter, der neue Oberbürgermeister, sah das überraschenderweise ganz anders:7

„Ein Glücksfall“, schwärmt Reiter, der sagt, er habe in den vergangenen Monaten hinter den Kulissen an dem Deal mitgewirkt.

Das wirft zahlreiche Fragen auf. Warum betont Microsoft von sich aus, der Kontakt habe keine Rolle gespielt – und die Politik lobt sich dafür, lange Zeit an diesem „Deal mitgewirkt“ zu haben? Die Aussagen passen nicht zusammen. Zumal er noch 2013 seine Ablehnung zur Privatisierung von öffentlicher Infrastruktur betonte:

Mit mir wird es keinen Verkauf der städtischen Krankenhäuser oder der Stadtwerke geben, und auch keine Privatisierung von Trinkwasser.

Wie handlungsfähig ist eine Stadt allerdings, wenn sich ihre digitale Infrastruktur in privaten Händen befindet? In wie weit es Zugeständnisse von der Politik für den neuen Firmensitz gab, ist öffentlich bis heute unbekannt. Fakt ist jedoch: Die digitale Infrastruktur befindet sich nach dem Wechsel zu Microsoft wieder fest in den Händen eines Konzerns mit Quasi-Monopolstellung. Windows 11 zeigt beispielsweise, welche Folgen das haben kann.

Studie belegt: Daran scheiterte LiMux wirklich

Abseits der nicht begründeten Vorwürfe der beiden Bürgermeister gab es durchaus Probleme an LiMux. Sie hatten allerdings nichts mit GNU/Linux oder FOSS zu tun. Das ermittelte eine 2016 erschienene Studie:8 Sie macht primär interne Abläufe verantwortlich. 2012 kam es zu einer Verwaltungsreform, wodurch IT auf drei Häuser aufgeteilt wurde. Das Programm war jedoch zu ambitioniert. Zusammen mit Organisationsmängeln und fehlendem Vertrauen zwischen den Ressorts wirkte sich dies negativ auf die Endnutzer aus.

Unterschätzt wurde auch der Gerätebestand durch unzureichende Inventarisierung. Zu alte Hardware und ein Teil an verbleibenden alten Windows-Installationen für Spezialsoftware erhöhten die Ausfälle. All das sorgte dafür, dass Dienste nur unprofessionell oder gar nicht angeboten werden konnten. Unabhängig von der eingesetzten Software.

Ignorierte Gutachten & Empfehlungen

Das Gutachten wurde ausgerechnet bei einem langjährigen Microsoft-Partner in Auftrag gegeben. Sie verdienen Geld durch den Verkauf von Microsoft Produkten & Dienstleistungen. Wenig überraschend empfiehlt Accenture auf 450 Seiten, zusätzlich zu LiMux einen „leistungsfähigen Windows-Client“ als Alternative einzuführen. Dies soll einen Parallelbetrieb ermöglichen.9 Klar wird allerdings auch hier: LiMux ist nur eine von vielen Schwachstellen. Lediglich der Wechsel des Betriebssystems reicht nicht aus, um die Situation zu verbessern.

Doch selbst das ist dem Stadtrat nicht weitreichend genug. Sie verlangen einen vollständigen Wechsel zu „Standardprodukten“ von Microsoft – und damit dem Ende von LiMux. Dies ist deutlich radikaler, als von Accenture vorgeschlagen. Umgesetzt wurde jedoch eine Neuausrichtung der IT-Organisation. Inklusive Bündelung der IT-Verantwortlichen – einer der organisatorischen Aspekte, die unter LiMux Probleme verursachten.10

Heimlich Versteckt: Wechsel zu Microsoft

Für scharfe Kritik hat das Vorgehen zur Abstimmung über den Antrag gesorgt. Schwarz-Rot ließ nicht transparent abstimmen, ob LiMux bestehen bleiben soll – oder durch Microsoft abgelöst wird. Stattdessen wurde ein Antrag zur IT-Neuorganisation eingereicht. Im Glauben, die strukturellen Probleme zu lösen, versteckten CSU & SPD die 180 Grad Wende von LiMux zu Windows in einem Nebensatz (Ziffer 6b).11

Die Kosten wurden zudem komplett ignoriert. Obwohl dies anfangs ausdrücklich berücksichtigt werden sollte. Stattdessen ist vor dem Antrag völlig offen, wie viel die Migration zu Microsoft kosten soll. Und mit welchen dauerhaften Ausgaben gerechnet wird.12 Selbst bei der finalen Abstimmung fehlten diese Informationen. Den abgeordneten war gar nicht klar, welche Ausgaben sie mit dem Nebensatz auslösen.

Interne Aussagen widersprechen LiMux-Erzählungen

Das Sitzungsprotokoll der Stadtratssitzung vom 15.02.2017 enthüllt neue Erkenntnisse – die ein anderes Bild zeigen, als die Bürgermeister. Mehrere Redner widersprechen offen der Darstellung, LiMux sei die Hauptursache der Probleme gewesen.13 Stattdessen: Falsch bestellte Drucker. Das ist bemerkenswert, weil später aus dem Gutachten zitiert wird: 74% der befragten schilderten Druckerprobleme, 54% Hardwareprobleme. Beides Dinge, die mit dem Betriebssystem nichts zu tun haben. Doch LiMux wird auch dafür verantwortlich gemacht:

Man hat z. B. schlichtweg falsche Drucker besorgt. Es wird immer auf LiMux geschimpft, die eigenen Unzulänglichkeiten werden dabei jedoch nicht gesehen.

StR Ranft

Auch der große Frust unter den Anwendern stellt sich in diesen Quellen ganz anders dar: Rund 70% waren mit LiMux und LibreOffice zufrieden. Weniger als 1/3 äußert Unzufriedenheit. Mehrere Redner lobten zudem die kompetente Unterstützung durch die Support-Mitarbeiter. Außerdem hat sogar das Accenture-Gutachten empfohlen, bei LibreOffice zu bleiben. Dies war bislang nicht öffentlich bekannt, weil die Stadt nur eine Zusammenfassung veröffentlichte – nicht das vollständige 450 Seiten Dokument. Dies folgte erst später durch eine Anfrage. Doch auch bei LibreOffice forderte Münchens neue Regierung einen Wechsel zu Microsoft Office. Obwohl selbst das Gutachten der Microsoft-Berater davon abriet.

Die Gutachter empfehlen daher der Landeshauptstadt München LibreOffice, also offene Software im Bereich von Büroanwendungen weiterhin als Standard für die Bürokommuni- kation zu nutzen. Microsoft Office sollte als Fachanwendung behandelt werden, welche bei entsprechendem fachlichen Bedarf zusätzlich zur Verfügung gestellt wird.

Accenture Gutachten

Sicherheit, veraltete Betriebssysteme & steigende Kosten

2014 hat der Oberbürgermeister offen zugegeben, dass ein Windows-Arbeitsplatz unsicherer ist – im Vergleich mit einem wie LiMux, der auf quelloffener Software basiert. Die Redner kritisieren, wie auch dieser Aspekt bei der Abstimmung plötzlich keine Rolle mehr spielt. Eben so, wie die Kosten.

In der Konsequenz ist folglich damit zu rechnen, dass ein Arbeitsplatz auf Basis von Microsoft-Produkten in der vernetzten Umgebung einer größeren Anzahl von Bedrohungen für die IT-Sicherheit ausgesetzt ist, als ein Open Source Arbeitsplatz.

CDU & SPD begründen ihren Wechsel zu Windows damit, dass man mit zwei Betriebssystemen überfordert sei. Doch stattdessen habe man bis zu 15 (!) verschiedene Betriebssysteme. Inklusive bereits damals alten Windows-Versionen, wie etwa XP:

Es ist auch nicht so, wie die Kolleginnen Hübner und Frank gesagt haben, dass wir zwei Betriebssysteme nicht parallel „supporten“ können. Das Problem ist, dass wir ungefähr 10 – 15 verschiedene Betriebssysteme haben! Das kostet und frisst! Das Kreisverwaltungsreferat hat z. B. noch Windows XP. Das hat mit dem modernen Windows auch nichts zu tun!

StRin Wolf

Dies bestätigt das Gutachten, welches durch eine Anfrage im Rahmen des Informationsfreiheitsgesetztes öffentlich wurde.14 Laut einer Mitarbeiterumfrage sind mindestens 9 verschiedene Betriebssystemversionen im Einsatz. Bei der hohen Zahl an „weiß ich nicht“ Stimmen ist von einer Dunkelziffer auszugehen.

Weitere Sprecher betonen, dass IT-Probleme auch in anderen Verwaltungen alltäglich sind – die Windows einsetzen. Auch die fehlenden Kosten sind wiederholt kritisiert worden:

Zum letzten Punkt, den CSU und SPD freundlicherweise von unserem Antrag übernehmen: Kostenklarheit präsentiert zu bekommen. Das soll uns aber nur referiert werden. Dass heißt, wir treffen heute die Entscheidung und danach wird uns gesagt, das kostet so oder soviel. Das ist völlig unmöglich und unterirdisch.

StR Dr. Mattar

Bislang nicht bekannt war die Tatsache, dass für die Umstellung zu Windows insgesamt 21 neue Vollzeitstellen geschaffen werden sollen. „Das kann kein guter Schritt sein, die IT effektiver zu machen“, so die Schlussfolgerung.

Zu viele Anpassungen?

LiMux war nicht fehlerfrei. München hat dafür Ubuntu stark angepasst und mehr als 10 interne Entwickler beschäftigt. Die Gendarmerie in Frankreich setzt ebenfalls auf Ubuntu, allerdings großteils im Standard – dafür reichten zwei Entwickler. Obwohl sie mit 80.000 Arbeitsplätzen deutlich mehr Nutzer besitzt.15

Es hätte hinterfragt werden müssen, ob all diese Anpassungen tatsächlich notwendig sind. Ebenfalls denkbar ist die gemeinsame Nutzung mit weiteren öffentlichen Einrichtungen. Solche berechtigten, differenzierten Kritikpunkte wurde jedoch von den Gegnern nicht geäußert.

Kein LiMux, weil Administratorrechte fehlen

Mehrere Anträge wurden unter dem Titel „Notebooks und Tablets für den alltäglichen Gebrauch tauglich machen“ eingereicht.16 Mehrere Vertreter von CSU und SPD beklagen darin, ihre 2014 erhaltenen Geräte seien nur eingeschränkt nutzbar. Viele würden daher ihre privaten Notebooks verwenden. Bereits das ist eigenartig: Das unbefugte Übertragen von Daten auf externe Geräte ist in der Regel ein erheblicher Verstoß. In der Privatwirtschaft erfolgt üblicherweise eine Abmahnung.

Um so interessanter ist die Begründung, weswegen die LiMux-Geräte nicht nutzbar seien:

Der Antrag verweist des weiteren darauf, dass die zur Verfügung gestellte IT-Ausstattung teilweise nicht verwendet wird, weil einerseits die bekannte Usability der Microsoft Produkte fehlt und andererseits die Stadträte als IT-Nutzer nicht mit Administrationsrechten ausgestattet wurden

LiMux ist unbekannt und wird anders benutzt. Das ist bei einem Plattformwechsel zu erwarten und lässt sich mit Schulungen lösen – wie bei jeder anderen Umstellung. Mit welcher Grundlage sie Administratorrechte fordern, bleibt offen. Seit langem ist es üblich, normalen Nutzern keine Administratorrechte zu gewähren. Die unkontrollierte Installation von Software ist ein Sicherheitsrisiko. Den Antragstellern scheint das bewusst zu sein. Was grundsätzliche Schutzmaßnahmen mit GNU/Linux zu tun haben, bleibt offen. Selbstverständlich erhalten auch Windows und MacOS-Nutzer in seriösen IT-Umgebungen keinen administrativen Vollzugriff auf ihr Gerät. Lediglich in Ausnahmefällen, etwa für IT oder Entwickler.

Da die Arbeitsplätze an das interne Netz der LHM angebunden werden, erhalten die IT-Nutzer keine Administrationsrechte entsprechend der IT-Sicherheitsvorgaben.

GNU/Linux kann funktionieren

Viele Beispiele zeigen, wie Migrationen weg von Microsoft hin zu freier Software erfolgreich funktionieren können. Eines der frühen Beispiele ist Schwäbisch Hall. Dort wurde der Schritt nahezu zeitgleich mit München gewagt.17 Und man blieb bei GNU/Linux mit LibreOffice: Lediglich bei den Integrationen habe man gewisse Schwächen festgestellt, die seien jedoch verschmerzbar.18

Mit Schleswig-Holstein beweise eine größere Stadt, dass auch deutlich mehr als zehntausend Geräte erfolgreich mit freier Software funktionieren können. Seit Jahren arbeitete man dort daran, um die in Jahrzehnten historisch gewachsene Microsoft-Umgebung zu erfassen. Um sie schlussendlich schrittweise abzulösen. Zuerst LibreOffice statt Microsoft Office, aktuell wird Windows zu GNU/Linux umgezogen.

Die Entwicklungen sprechen gegen München

Der Münchner Stadtrat erteilte solchen Szenarien unter der neuen politischen Führung mehrheitlich eine Absage. Ende 2017 steht fest: Eine 180 Grad Wende zurück zu Microsoft ist politisch gewollt. Obwohl viele damit nicht einverstanden sind. Die Opposition sieht eine „katastrophale Fehlentscheidung“.19 Auch der IT-Chef zeigt sich verwundert: „Es gibt keine größeren technischen Probleme“.20 Doch LiMux ist trotzdem tot.21

Obwohl der NSA-Skandal ab 2013 zeigte, welche Risiken bei Software aus der USA droht. Doch die politische Lage hat sich seit dem weiter in diese Richtung gewandelt. Geopolitisch motivierte Sperren sind längst keine rote Linie mehr. Die großen Konzerne drängen für Profitmaximierung zunehmend in Richtung Cloud. Dadurch drohen neue Risiken. Politisch lassen sich die Augen davor nicht mehr verschließen. Die Rufe nach Souveränität und Unabhängigkeit werden daher lauter. 2020 arbeitete Heise daher beispielsweise erneut heraus, was aus dem Scheitern LiMux zu lernen ist (Bezahlschranke).22

Fazit

Interne Aussagen, Studien und selbst Gutachten von Microsoft-Partnern kamen wiederholt zu dem Schluss, dass organisatorische und strukturelle Probleme eine zentrale Rolle spielten — nicht GNU/Linux oder quelloffene Software selbst.

Trotzdem wurde LiMux über Jahre öffentlich zum Symbol einer gescheiterten IT erklärt. Viele Kritikpunkte hielten einer genaueren Prüfung kaum stand oder hatten ganz andere Ursachen. Gleichzeitig blieben zentrale Fragen zu Kosten, Organisation und Verantwortung lange unbeantwortet. Manche wurden gar verschwiegen.

Konstruktive Kritik an LiMux hätte es durchaus gegeben — etwa beim Umfang eigener Anpassungen oder der organisatorischen Umsetzung. Statt auf dieser differenzierten Debatte reduzierte sich die Diskussion zunehmend auf die einfache Frage: GNU/Linux oder Microsoft.

Am Ende kehrte München zu Microsoft zurück. Als einziger Profiteur: Sie haben einen verlorenen Kunden sowie ihren Ruf als Alternativlos zurück gewonnen. Obwohl zahlreiche erfolgreiche Umstellungen wie z.B. Schleswig-Holstein längst das Gegenteil bewiesen haben.

Quellen

  1. https://www.heise.de/news/LiMux-Linux-in-Muenchen-unter-politischem-Beschuss-2260806.html ↩︎
  2. https://www.heise.de/news/Muenchner-Buergermeister-sieht-deutliche-Schwaechen-bei-LiMux-2391735.html ↩︎
  3. https://www.heise.de/hintergrund/Muenchens-IT-Beauftragter-Es-wird-immer-Gebrummel-ueber-die-IT-existieren-2392311.html ↩︎
  4. https://www.heise.de/news/Aus-fuer-LiMux-Muenchner-Stadtrat-sagt-zum-Pinguin-leise-Servus-3626623.html ↩︎
  5. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/microsoft-in-muenchen-neue-zentrale-neues-arbeiten-1.1814227 ↩︎
  6. https://web.archive.org/web/20170318044933/https://www.muenchen.de/aktuell/2016-10/microsoft-zentrale-wird-eroeffnet.html ↩︎
  7. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-11/reiter-muenchen-spd/komplettansicht ↩︎
  8. https://www.heise.de/news/Muenchen-Berater-decken-Schwaechen-der-staedtischen-IT-auf-3132156.html ↩︎
  9. https://www.heise.de/news/Linux-in-Muenchen-Berater-empfehlen-Ausstieg-aus-LiMux-auf-Raten-3463100.html ↩︎
  10. https://www.heise.de/news/IT-Neuorganisation-in-Muenchen-Gnadenfrist-fuer-LiMux-3617309.html ↩︎
  11. https://www.heise.de/news/Aus-fuer-LiMux-Muenchner-Stadtrat-sagt-zum-Pinguin-leise-Servus-3626623.html ↩︎
  12. https://www.heise.de/news/Von-Linux-zurueck-zu-Microsoft-Schwarz-Rot-in-Muenchen-will-LiMux-rauswerfen-3621178.html ↩︎
  13. https://risi.muenchen.de/risi/dokument/v/4446262 ↩︎
  14. https://fragdenstaat.de/anfrage/gutachten-zur-it-leistungsfahigkeit-der-verwaltung/60578/anhang/4277724.pdf ↩︎
  15. https://www.heise.de/select/ct/2020/19/2017712480014841490 ↩︎
  16. https://risi.muenchen.de/risi/dokument/v/4384856 ↩︎
  17. http://www.ifg.cc/aktuelles/nachrichten/themen/72-open-source/1032-schwaebisch-hall-stellt-auf-linux-um.html ↩︎
  18. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/digitale-souveraenitaet-es-geht-auch-ohne-microsoft-a-395903c2-7109-48a7-91df-52997d27d569 ↩︎
  19. https://www.heise.de/news/LiMux-Aus-in-Muenchen-Opposition-wettert-gegen-katastrophale-Fehlentscheidung-3622848.html ↩︎
  20. https://www.heise.de/news/Muenchner-IT-Leiter-zu-LiMux-Es-gibt-keine-groesseren-technischen-Probleme-3644868.html ↩︎
  21. https://www.heise.de/news/Endgueltiges-Aus-fuer-LiMux-Muenchener-Stadtrat-setzt-den-Pinguin-vor-die-Tuer-3900439.html ↩︎
  22. https://www.heise.de/hintergrund/Woran-LiMux-scheiterte-und-was-wir-daraus-lernen-koennen-4881035.html ↩︎

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