Online-Dating hat versprochen, den Traumpartner einfach und bequem von Sofa aus zu finden. Doch 2026 fühlt es sich für viele kaputt an: Man wischt, wartet, bezahlt – und bekommt oft trotzdem nur Ghosting, Fake-Profile oder neue Bezahlschranken. Dieser Beitrag zeigt, warum Online-Dating schlechter wurde: Plattformen, Geschäftsmodelle und Nutzerverhalten haben gemeinsam ein System geschaffen, bei dem Liebe längst keine entscheidende Rolle mehr spielt. Wie konnte es zu diesem Plattformverfall kommen?
Schließlich hätte es ein nützliches Werkzeug für viele Menschen werden können. Während sich das zwar nicht für alle erfüllte, gibt es auch positive Seiten. Trotz aller Probleme gibt es sie: Paare, die sich im Internet kennen gelernt haben und noch Jahre später eine glückliche Beziehung führen.
Theoretisch genial: Die Vision
Der Gedanke ist bis heute logisch: Singles erstellen ein Profil mit Bildern, beschreiben Interessen – und lernen andere kennen, die ebenfalls auf Partnersuche sind. Man lernt sich kennen. Im besten Fall verlieben sich beide und bleiben glücklich bis zum Lebensende zusammen.
Das klingt einfach und zielführend. Jeder hat plötzlich die gleichen Chancen: Wer ländlicher wohnt, kann Menschen in den Städten finden. Schüchternen fällt eine Nachricht leichter, als jemanden persönlich anzusprechen. Sowieso muss sich niemand fragen, ob der Flirtversuch eine vergebene Person trifft. Oder möglicherweise jemanden mit anderer sexueller Orientierung. Beim Online-Dating steht das üblicherweise im Profil.
Wie bei Kleinanzeigen kommunizieren wir klar, wer wir sind und was wir suchen. Zum ersten Mal schien Partnersuche effizienter, einfacher sowie direkter zu werden. Doch genau das ist heute nicht mehr der Fall.
Klingt gut – aber bedeutet zu 98% keine Liebe
Schon früh verkauften Dating-Plattformen vor allem Hoffnung. Parship beispielsweise warb jahrelang mit dem Satz:
Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship.
Klingt beeindruckend? Schon 2016 wurde nachgerechnet. Selbst unter optimistischen Annahmen beträgt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres die Liebe zu finden, nur rund 2%.1 Anders ausgedrückt: Für die meisten Nutzer ist es eine frustrierende Suche, die nicht so schnell endet.

Damals lag Online-Dating voll im Trend. Trotzdem wird man sich nach einem ganzen Jahr Pairship-Nutzung zu über 98% in niemanden verlieben. 10 Jahre später wirbt der Anbieter damit nicht mehr. Sondern hebt hervor, dass 9/10 Pairship-Paaren mit ihrer Beziehung zufrieden sind. Doch wie viele finden überhaupt eine? Die Plattform misst das nicht – sondern nur, wie zufrieden erfolgreiche Paare später sind.
Dating-Trends: So kompliziert ist es
2023 führt der Anbieter eine repräsentative Studie unter 1.000 Männern und Frauen aus Deutschland durch.3 Ghosting hat sich zum Massen-Phänomen entwickelt: 20% wurden Opfer des plötzlichen Kontaktabbruchs ohne Vorwarnung. Bei den 18 – 29 Jährigen sind es sogar 32%. Neu ist Cloaking, bei dem das Opfer zusätzlich Blockiert wird. 15% haben das erlebt, unter den Jüngeren 25%.
Das liest sich wie Buzzword-Bingo: Beim Orbiting wird der Kontakt abgebrochen, aber die Person weiterhin beobachtet (z.B. in sozialen Netzwerken). Weicht die andere Person aus, statt klar abzusagen, erleidet man Curving. Das könnte zu Benching führen: Jemand ist interessant, aber wird nur als Platz 2 warm gehalten. Wie Breadcrumbing und Nesting kann es zum Situationship führen: Man hat irgendeine Art von versteckter Beziehung – aber es ist keine feste und auch keine Affäre.
Doch das ist noch längst nicht alles: Schon von Mosting, Sneating, Phubbing gehört? Online-Dating hat inzwischen so viele frustrierende Dynamiken hervorgebracht, dass ständig neue Begriffe dafür entstehen.
Sind die Menschen schuld?
Dass sich ein ganzes Wörterbuch mit unangenehmen Dating-Trends füllen lässt, wirft kein gutes Licht auf uns. Interessant ist zudem: Viele Opfer von Ghosting tun das später selbst mit anderen. Wie passt das zusammen? Der Paartherapeut Eric Hegmann sieht darin Schutzstrategien.4 Nicht das Dating habe sich verändert. Sondern: Wer hunderte Menschen kennenlernt, der erlebt zwangsläufig auch mehr Ablehnung und Enttäuschung. Der Mensch ist in gewisser Hinsicht inflationär entwertet. So sehr, dass einige sich nicht mal mehr die Mühe zum Absagen machen wollen.
Doch laut ihm reicht das deutlich tiefer: Die Menschen werden oft misstrauisch. Das führt zu Überinterpretation. Oder es wird gezielt nach Warnsignalen gesucht. Dabei erhält die andere Person teils gar keine Chance, weil z.B. eine Verspätung als großes Alarmzeichen gedeutet wird. Damit sabotieren sich Betroffene selbst – und provozieren die nächste Enttäuschung. Misstrauen ist Gift für das Entstehen von emotionalen Verbindungen. Schlechte Erfahrungen erzeugen allerdings eben jenes Misstrauen – und erschweren damit neue Beziehungen.
Er empfiehlt, sich nicht das anzueignen, was man erlebt hat. Kritisch reflektieren, wie misstrauisch man geworden ist und das Verhalten wieder ablegen. Außerdem kann es helfen, nicht wochenlang miteinander zu schreiben. Sondern schneller den persönlichen Kontakt zu suchen. So wird verhindert, dass sich Blasen aufbauen, die beim Treffen zerplatzen. Ansonsten verändert Online-Dating langfristig das Verhalten der Menschen.
Die Liebe online zu finden ist teuer
Anders als bei Sozialen Netzwerken bezahlt man dort nicht nur mit Daten und Aufmerksamkeit. Es hat sich längst etabliert, wichtige Funktionen hinter einem kostenpflichtigen Premium-Abo zu verstecken. Kostenfreie Nutzer können oft nur wenige Nachrichten senden, sehen einen Teil der Profile und werden – je nach Plattform – an weiteren Stellen künstlich beschränkt.

Die Preise sind nicht mit den heutzutage üblichen Abos (Netflix & co.) vergleichbar: Bei Pairship muss man sich im kürzesten „Premium lite Tarif“ mindestens 6 Monate zu 79,90€ monatlich (!) binden. Selbst das monatlich günstigste Paket kostet stolze 45,90€ – für 24 Monate.6 ElitePartner schlägt nach einem ähnlichen Preismodell mit 35,90€ (24 Monate) bis 69,90€ pro Monat (6 Monats-Abo) zu Buche.7
Argumentiert wird mit höherer Qualität: Wer so viel Geld ausgibt, der meint es ernster, wie mit einem kostenfreien Zugang. Wie ernst können es Menschen meinen, die sich bis zu rund 80€/Monat schlicht nicht leisten können? Manche Anbieter sind zurückhaltender. Lovoo kostet beispielsweise 24,99€ monatlich, bei jährlicher Abrechnung sind es 10€ monatlich.8 Noch günstiger ist Romeo für Homosexuelle mit 9,99€ pro Monat bzw. 83,99€ im Jahres-Abo (7€/Monat).
Deine Unzufriedenheit ist gewollt
Wer etwas Geld investiert, wird automatisch glücklich? Die Fakten sagen etwas anderes: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Anteil an Single-Haushalten von 26% auf über 34% (2024) erhöht. Auch das durchschnittliche Alter bei der Heirat ist um 5 Jahre gestiegen.9 Obwohl Online-Dating von Millionen Menschen genutzt wird – wie kann das sein?
Dabei könnte Technik tatsächlich helfen, Menschen zusammenzuführen. Allerdings steht das Gewinnstreben der Dating-Anbieter diesem Versuch entgegen.
Guido Gebauer, Psychologe und Dating-Coach
Das Problem: Dating ist ein lukratives Geschäft. Verliebt sich ein Paar, hat der Anbieter auf einen Schlag zwei Kunden verloren – nicht im Interesse der Anbieter. Sie halten den Nutzer nur so viel bei der Stange, dass er auf der Plattform bleibt. Allerdings nicht zu viel, wodurch er sie verlässt. Dabei kommen ähnliche Mechanismen wie beim Glücksspiel zum Einsatz. Beispielsweise wird das Attraktivitätslevel des Nutzers bewertet. So bekommt er Treffer, die sich auf einem ähnlichen Niveau befinden. Gelegentlich wird der Nutzer mit einem als attraktiver eingestuften Profil belohnt.10
Die Illusion des Wettbewerbs
Das Vorhandensein mehrerer Plattformen erweckt den Eindruck von Auswahl und Wettbewerb. Wer genauer hinschaut, merkt allerdings: Tatsächlich dominieren wenige Unternehmen den Markt. Ein bekanntes Beispiel ist die PairshipMeet Group. Sie betreibt aktuell 9 verschiedene Angebote unter eigenständigen Marken.11 Mit Pairship und ElitePartner sind zwei der mit Abstand teuersten Dienste dabei.
Doch Lovoo sichert der Gruppe auch das Geld von Singles, die keine Premium Deluxe Preise bezahlen können oder wollen. Ähnlich finanziell-strategisch gehen Lebensmittelkonzerne vor. Sie bringen Marken in verschiedenen Preissegmenten auf den Markt. So werden große Gewinne bei den Kunden abgeschöpft, die bereit sind, mehr zu bezahlen. Und kleinere beim Rest. Häufig sind die Produkte sehr ähnlich oder identisch, sodass sich der höhere Preis objektiv nicht rechtfertigen lässt.
Wenn die Dating-App dich ans Messer liefert
Trotz des beachtlichen Preises haben sich insbesondere Smartphone-Apps zu großen Datenkraken entwickelt. Lovos Android-App enthält 32 (!!!) Tracker und verlangt ebenso viele Berechtigungen.12 Solch eine extreme Datenkrake habe ich bislang noch nie gesehen – trotz regelmäßiger Analyse verschiedener Apps. Auch ElitePartner mit 8 sowie 4 Trackern in Pairship legen wenig Wert auf die Privatsphäre ihrer Nutzer. Das sind nur bekannte Dienste, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Zumal es sich nur um externe Datensammler handelt.
Hinzu kommen jene Daten, welche vom Dienst selbst erhoben werden. Insbesondere mit umfangreichen Berechtigungen können das weitaus mehr sein, als die Nutzer erwarten. 2024 analysierte ein Forscherteam insgesamt 15 verbreitete Dienste wie Tinder, Grindr und weitere mit insgesamt mehreren hundert Nutzern pro Monat. Das Ergebnis zeigt: Die Anbieter verlangen nicht nur sensibelste Daten wie Handynummer oder sogar Gesichts-Scans. Sie sind vorhanden und abrufbar – selbst bei jenen, die eine Deaktivierung erlauben. Unter anderem war damit die metergenaue Ortung möglich.13
Man muss nur an Stalker denken, um eine erste Vorstellung zu bekommen, wie gefährlich das ist. Insbesondere bei Plattformen für Nicht-Heterosexuelle steigen die Risiken noch stärker. Ein Beispiel: 2021 beendete Grindr die Karriere des Generalsekretär der US-Bischofskonferenz USCCB.14 Der Dating-Anbieter hatte Daten erhoben und mit Dritten geteilt. Das ermöglichte homophoben Medien, den Priester zu De-anonymisieren. Noch drakonischer kann es in Ländern enden, in denen Homosexualität illegal ist – bis hin zur Todesstrafe. Auch dort kam es bereits zu erheblichen Datenlecks. 2025 beispielsweise waren 1,5 Millionen private Bilder von LGBT- und BDSM Nutzern betroffen.15
Fake-Mitarbeiter & Abzocke
Für maximalen Profit sollen Nutzer auf der Plattform gehalten werden, ohne sie aufgrund nennenswerter Erfolge zu verlassen. Das haben zahlreiche Anbieter längst gnadenlos kapitalisiert: Bereits 2017 ermittelte die Verbraucherzentrale in Bayern mindestens 187 Online-Dating-Anbieter, die gefälschte Konten einsetzen. Sie bezahlen Menschen dafür, um im Chat mit Nutzern Interesse vorzutäuschen. Zu echten Treffen kommt es nie.16
Längst haben auch andere entdeckt, wie sich die Suche nach Liebe bzw. Sex missbrauchen lässt. Kriminelle täuschen dies vor, um Geld vom Opfer zu erbeuten. Alleine in BaWü ist der Schaden dabei innerhalb von 5 Jahren von 3 auf über 20 Millionen Euro angestiegen.17 Unter den Opfern sind nicht mehr nur Rentner in hohem Alter.
Zunehmende Gewalt bis hin zum Extremismus
Insbesondere Homophobe missbrauchen solche Plattformen seit Jahren, um Gewalt auszuüben. Ein besonders brutaler Fall ereignete sich 2025: Fünf Personen verabredeten sich an einen abgelegeneren Ort mit einem schwulen Mann. Nach homophoben Beleidigungen wurde er derart stark verprügelt, dass ein zweitägiger Krankenhausaufenthalt gefolgt von 6 Wochen Arbeitsunfähigkeit folgten.18 2026 wurden zwei Männer verurteilt, die in anderen Fällen gezielt Grindr für gewaltsame Raubüberfälle verwendet haben.19
Insbesondere Rechtsextreme unterhalten Netzwerke, in denen unter dem Vorwand des Kinderschutzes Gewaltlust und Überfälle betrieben werden. 2025 wurde beispielsweise eine Gruppe aus 20 Personen in Österreich festgenommen.20 Unter den Opfern sind Homosexuelle und Heterosexuelle. Auch einzelne Personen können massiven Schaden anrichten. Ein 18-Jähriger aus Hamburg wird verdächtigt, insgesamt 204 Straftaten begangen zu haben. Ihm wird vorgeworfen, 12-15 Jährige Mädchen manipuliert und zur Selbstverletzung gezwungen zu haben. Homosexuelle habe er über Monate hinweg gezielt getroffen, um sie körperlich anzugreifen.
Von der Hoffnung in eine neue Form des Burn-out
Plattformen um online Singles kennen zu lernen, gibt es bereits seit den 1990er Jahren. Ähnlich wie bei Smartphones brauchte es „den iPhone-Moment“, damit sie von der breiten Masse genutzt sowie akzeptiert werden. Das hat in dieser Branche Tinder übernommen: Nach dem Start 2012 schafft es die Plattform, in wenigen Jahren den zweifelhaften Ruf abklingen zu lassen. Heute hat sich das längst normalisiert – jeder Dritte über 16 Jahre nutzt dafür das Internet.
Doch die Euphorie ist längst gewichen. Psychologen stellen sogar ein Dating-Burn-out fest, 14% der Nutzer von Online-Dating betroffen. Das Gefühl ausgebrannt zu sein wurde bekannt durch chronischen Stress bei der Arbeit. Mittlerweile fühlen sich auch die Nutzer von Tinder & co. ähnlich: Ghosting und Ablehnung sorgen für Hoffnungslosigkeit. Betroffene sind ratlos, versuchen mit Geschwindigkeit sowie Humor zu punkten, sich abzuheben. Das stresst die Menschen – insbesondere, wenn sie trotzdem keinen Partner finden.21
Welche Auswirkungen das außerhalb des Dating-Kontexts auf das Leben der Menschen hat, ist bislang noch nicht erforscht. Zu neu sind die entsprechenden Entwicklungen. Die Forscher gehen jedoch davon aus, dass es kein isoliertes Problem ist. Sondern sich stetige Ablehnung dort auch negativ auf das allgemeine Wohlbefinden auswirkt.
„KI“ als Zukunft des Datings?
Sogenannte „Künstliche Intelligenz“ ist in der Branche angekommen. Die Plattform Bumble schafft sogar das Swipen ab.22 Tinder hatte es mit den mobilen Apps groß gemacht: Man sieht Profile von Singles und wischt zustimmend nach rechts, wenn die gezeigte Person gefällt. Ablehnung wird durch wischen nach links verdeutlicht. Finden sich beide attraktiv, können sie miteinander schreiben. Das soll schnell passende Kandidaten finden.
Die Praxis sieht anders aus: Einer norwegischen Studie zufolge benötigt man durchschnittlich 57 Übereinstimmungen, bevor überhaupt ein Treffen zustande kommt. Bumble möchte stattdessen auf „KI“ setzen. Oder besser muss – im ersten Quartal 2025 brachen die zahlenden Nutzer um 21% ein. Seit dem Börsengang im Jahr 2021 stürzte die Aktie sogar um 90% ab. Zwar ist „KI“ beim Online-Dating ebenfalls nicht neu. Bislang wurde sie jedoch weniger prominent eingesetzt. Etwa bei der Auswahl der prominent angezeigten Profilbilder.
Auch der Untergrund setzt auf „KI“: 2025 wurde eine Französin um 830.000 Euro betrogen. Ein angebliches Brad Pitt Profil kontaktierte sie – mit Gedichten, Liebesbekundungen und einer angeblichen Krebserkrankung. Das 53-jährige Opfer wurde mehrfach misstrauisch. Doch die künstlich erzeugten Bilder inklusive Videos waren derart authentisch, dass sie die Geschichten glaubte.23
200% teurer: Andere setzen weiter auf Gewinnmaximierung
Bumbles Einbruch ist kein Einzelfall. Nachdem die Nutzerzahlen über Jahre hinweg immer weiter anstiegen, war 2023 das Wachstum der Branche rückläufig. Auch die aktiven Nutzer sind weniger geworden: Waren es weltweit 2021 noch 154 Millionen pro Monat, sind es in Q2/2024 nur noch 137 Millionen.24 Durch den zunehmenden Frust sinkt die Zahlungsbereitschaft tendenziell, insbesondere unter Frauen.
Nicht jeder Anbieter wird für seinen Plattformverfall mit großflächig gekündigten Abonnements bestraft, wie bei Bumble. Das auf Homosexuelle Dates spezialisierte Grindr wird zwar seit Jahren für seine Methoden kritisiert: Aggressive Preise, massive Werbung und erhebliche Einschränkungen in der kostenfreien Version gehören zu den stärksten Kritikpunkten. Doch trotz steigender Unzufriedenheit stieg der Umsatz auf einen neuen Rekord von 535 Millionen US-Dollar. Die kostenpflichtigen Abonnenten haben sich in wenigen Jahren verdoppelt.25
Viele würden Grindr als Alternativlos ansehen und sich daher zum Abo drängen lassen. In dieser Nische scheint die Strategie besonders ertragreich zu sein: Kostenfrei gerade so funktional sein, damit die Nutzer nicht abspringen. Parallel jedoch so frustrierend, damit maximal viele bezahlen. Das nutzen die Anbieter doppelt aus: In den letzten 10 Jahren sind die Preise für Premium-Abos zudem um rund 200% gestiegen. Ab welcher Grenze würdest du aussteigen?
Preise steigen durch „KI“ in neue Dimensionen
Und das scheint erst der Anfang zu sein. Die „KI“ Funktionen werden nämlich keineswegs als Mehrwert in bestehende Abos integriert. Auch hier arbeiten viele mit Profitmaximierung: Grindr testet seit kurzem sein neues „Edge“ Abo – für bis zu 500 US-Dollar pro Monat. Das kann sogar wöchentlich für rund 80 US-Dollar gebucht werden. Dafür bekommt man Zusammenfassungen von Chats, persönliche Vorschläge und „tiefere Einblicke in potenzielle Matches“. Das bisherige Premium-Angebot kostet mit 130€ im ganzen Jahr deutlich weniger, als das neue im Monat.26
Grindr ist der aktuell wohl bekannteste Extremfall. Andere Anbieter investieren ebenfalls stark in „Künstliche Intelligenz“. Tinder hat bereits 2023 mit einem „Tinder Select“ Abo für 499 US-Dollar monatlich experimentiert. Diese Dimensionen sind neu und sprengen selbst die üppigen Preise von Pairship & co.27
Verzweifelte Männer, überforderte Frauen
Auf hauptsächlich heterosexuellen Plattformen befinden Männer meist in der Überzahl: Auf Bumble sind 61% der Nutzer männlich, bei Tinder sogar 84%. Dieser Trend wird vom Plattformverfall verschärft. Männer haben eine höhere Bereitschaft, für ein Premium-Abo zu bezahlen.
Eine solch ungleiche Verteilung macht es für beide Seiten wenig attraktiv: Frauen werden von einer Flut an Nachrichten regelrecht erschlagen. Insbesondere, wenn es sich dabei um plumpe Versuche oder gar Belästigung/Beleidigung handelt. Da viele Männer um wenige Frauen buhlen, sinkt die Hemmschwelle. Man fürchtet wohl, ein anderer könnte schneller sein und die eigene Nachricht würde in der Masse untergehen.
Die Trendwende hat begonnen
Das Beispiel Bumble deutete es bereits an: Es regt sich langsam aber zunehmend Widerstand unter den Nutzern. Die Corona-Pandemie hat ihn ausgebremst – schließlich blieb niemandem eine Alternative. Doch die negativen Folgen sind kein Geheimnis mehr: Laut einer Befragung in den USA verspüren sogar 4 von 5 Personen zwischen 18 und 54 Jahren einen gewissen Grad an Erschöpfung. Einige sind überfordert, weil sie viele Anfragen bekommen, mit den Treffen aber nicht glücklich werden. Andere unterfordert, da sie durch Ghosting & co. kaum echte Treffen erhalten. Die hohe Partnerverfügbarkeit steigert die Angst vor dem Single-Dasein, senkt das Selbstwertgefühl und erzeugt Überlastung.
Als Folge gehen viele zwei Schritte zurück in die Realität: Bei Eventbrite stieg die Zahl der Anmeldungen um 200%.28 Zunehmend werden neue Konzepte ausprobiert. In Spanien funktioniert dort eine umgedrehte Ananas im Wagen erfolgreich. Ein deutscher Supermarkt versuchte dies mit einem pinken Einkaufskorb. Damit können Singles beim Einkaufen zeigen, dass sie alleine sind und angesprochen werden möchten.29
Insbesondere jüngere nehmen Abstand von Internetplattformen. Eine Studie mit 6.600 Teilnehmern aus 50 Ländern gibt ihnen recht. Demnach leiden beim Online-Kennenlernen Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit. Laut einer Psychologin liegt auch dies an der großen Masse potenzieller Partner: Die Menschen sind sehr unterschiedlich, was den Aufbau einer Beziehung erschwere. Offline hingegen treffe man eher auf Menschen mit Gemeinsamkeiten – statt durch endlose Listen von Profilen fremder Personen zu scrollen.30
Keine absoluten Pauschalisierungen
Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich um Trends und Wahrscheinlichkeiten handelt. Millionen Menschen nutzen solche Plattformen – deshalb finden dort auch erfolgreiche Beziehungen ihren Anfang. Oder möglicherweise Freundschaften, die ebenfalls bedeutsam werden können. Gerade weil sie so verbreitet sind, ist es jedoch signifikant, wenn sie für einen Teil der Nutzer nicht oder nicht mehr funktionieren. Denn hier liegt das Problem: Verschiedene Studien und Analysen sehen systematische Probleme.
Fazit
Online-Dating ist nicht tot. Das Wachstum verlangsamte sich, teils kommt es zu Rückgängen. Dafür gibt es immer mehr gute Gründe: Betrug, Gewalt, skrupellose Gewinnmaximierung, Überforderung, Ghosting und andere fragwürdige Verhaltensweisen – all das lässt viele Leute frustriert zurück. Die Trendwende hin zu realen Treffen dürfte die beste Antwort darauf sein. So ist man kein Spielball mehr von Plattformen, die alles daran setzen, aus emotionaler Frustration möglichst viel Geld herauszuholen. Außerdem hatte man selbst dann eine gute Zeit, wenn es nicht die große Liebe wird – statt Ghosting oder Bockierung.
Wer es dennoch online versuchen möchte, sollte sich den hier gezeigten Mechanismen bewusst sein. Ohne das strikte Gewinnstreben könnte es besser sein. Da die größten Plattformen kommerziell orientiert sind, kann man hier nur wenig tun: Unsoziales Verhalten anderer nicht persönlich nehmen und dies schon gar nicht selbst annehmen. Außerdem hilft es, sich möglichst schnell persönlich zu treffen. Das wird Internetdating nicht perfekt machen. Doch damit lässt es sich so gut gestalten, wie es unter diesen Rahmenbedingungen möglich ist.
Quellen
- https://www.merkur.de/multimedia/parship-alle-11-minuten-verliebt-sich-ein-single-statistik-was-steckt-dahinter-zr-6863639.html ↩︎
- https://web.archive.org/web/20160226204148/https://www.parship.de/ ↩︎
- https://www.parship.de/studien/dating-trends-im-fokus-diese-erfahrungen-machen-singles/ ↩︎
- https://www.rnd.de/liebe-und-partnerschaft/wird-das-dating-immer-fieser-viele-menschen-die-geghostet-wurden-tun-das-spaeter-selbst-JWA6VCY4JVFHPIYB43DWNU6YMA.html ↩︎
- https://www.lemonswan.de/preise-und-leistungen ↩︎
- https://www.singleboersen-vergleich.de/faq/parship-kosten.htm ↩︎
- https://www.singleboersen-vergleich.de/analysen/elitepartner.htm ↩︎
- https://article.focus.de/lovoo-test-erfahrungen-kosten_id_070b62f4-2a82-50d4-96db-2b4a912094ad.html ↩︎
- https://www.ohlala.com/blog/singles-deutschland-statistik/ ↩︎
- https://www.golem.de/news/online-dating-warum-fuer-tinder-und-co-nicht-die-liebe-zaehlt-2509-199386.html ↩︎
- https://www.parshipmeet.com/de/portfolio/marken/ ↩︎
- https://reports.exodus-privacy.eu.org/de/reports/net.lovoo.android/latest/ ↩︎
- https://netzpolitik.org/2024/sicherheitsluecken-in-dating-apps-auf-schritt-und-tritt-verfolgt/ ↩︎
- https://netzpolitik.org/2021/datenhandel-grindr-beendet-karriere/ ↩︎
- https://www.heise.de/news/Datenleck-1-5-Millionen-private-Fotos-von-Dating-Apps-fuer-LGBTQ-enthuellt-10333383.html?view=print ↩︎
- https://www.inside-digital.de/ratgeber/online-dating-fake-profile-enttarnen ↩︎
- https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/love-scamming-lka-heiratsschwindler-betrug-schaden-verdoppelt-100.html ↩︎
- https://www.queer.de/detail.php?article_id=54993 ↩︎
- https://schwulissimo.de/neuigkeiten/dating-masche-der-schweiz-hohe-haftstrafen-fuer-kriminelle ↩︎
- https://www.spiegel.de/ausland/oesterreich-wie-rechtsextreme-ueber-dating-apps-maenner-in-die-falle-lockten-podcast-a-2fb433a2-a410-4206-b62a-b3450f477c0a ↩︎
- https://www.rnd.de/liebe-und-partnerschaft/dating-burnout-was-matchen-schreiben-und-ghosten-mit-uns-machen-WJ56RORN55BGXCJPMZOA2NQODA.html ↩︎
- https://futurezone.at/apps/frustrierte-nutzer-dating-app-bumble-beendet-swipen-ki/403157951 ↩︎
- https://www.notebookcheck.com/Betrug-per-KI-830-000-Euro-fuer-einen-kranken-Brad-Pitt.947577.0.html ↩︎
- https://www.leadersnet.de/news/81820,dating-apps-im-abwaertstrend-warum-tinder-und-bumble-an.html ↩︎
- https://schwulissimo.de/neuigkeiten/streitdebatte-um-schwule-apps-kostenexplosion-bei-nutzern ↩︎
- https://schwulissimo.de/neuigkeiten/premium-abo-mit-goldkante-preismodell-schon-jetzt-kritik ↩︎
- https://www.dexerto.com/entertainment/tinder-slammed-after-launching-499-subscription-tier-nobodys-buying-this-2437286/ ↩︎
- https://www.derstandard.at/story/3000000222200/die-schattenseiten-der-dating-apps?ref=rss ↩︎
- https://www.rnd.de/panorama/dating-im-supermarkt-es-gab-interesse-an-der-ute-CRXHAHJ7DJELZJ2PQ5MN3A32OE.html ↩︎
- https://www.20min.ch/story/studie-zeigt-online-paare-sind-in-beziehungen-unzufriedener-103416239 ↩︎





