StartseiteVideobeitragWahre Verschwörung: US Tabakindustrie manipuliert Jahrzehnte lang skrupellos – So funktionierte das Geflecht aus Geld, Gier & Macht (Text + Video)

Wahre Verschwörung: US Tabakindustrie manipuliert Jahrzehnte lang skrupellos – So funktionierte das Geflecht aus Geld, Gier & Macht (Text + Video)

Verschwörungen sind ein breites und oft kontroverses Thema: Erzählungen á la Aliens reißen die Weltherrschaft an sich sind fragwürdig. Allerdings gibt es auch einige realistische Verschwörungstheorien und sogar bewiesene Verschwörungen. Eine davon möchten wir uns in diesem Video anschauen: Die der Tabakindustrie.

Vorgeschichte: Zunehmende Gesundheitsschäden durch Tabakkonsum werden erkannt

Dass sich Rauchen schlecht auf die Gesundheit auswirkt, ist bewiesen. Doch über Jahrtausende hinweg war das anders. Erst ab den 1930er Jahren entstand ein Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und verschiedenen Krankheiten, der sich in den 50ern zunehmend erhärtete.

Auf Druck einer privaten Gesundheitsorganisation führte die Regierung eine unabhängige Studie durch, die mehr 7.000 wissenschaftliche Artikel prüfte. Das 1964 veröffentlichte Ergebnis: Wer raucht, hat ein deutlich höheres Risiko für verschiedene Krankheiten und stirbt früher. Der Bericht schlug ein wie eine Bombe. Erstmals wurde die breite Öffentlichkeit gebündelt auf die eindeutig bewiesenen Risiken des Rauchens aufmerksam.

So reagierte die Industrie

Während die Politik mit ersten Verboten reagierte (z.B. Keine Rundfunkwerbung mehr ab 1971), wusste die Tabak-Industrie längst bescheid: 1953 sagte R.J. Reynolds:

Studies of clinical data tend to confirm therelationship between heavy and prolonged tobaccosmoking and incidence of cancer of the lung.

Zu Deutsch:

Studien mit klinischen Daten neigen dazu, den Zusammenhang zwischen starkem und längerem Tabakrauchen und dem Auftreten von Lungenkrebs zu bestätigen.

Nur ein Jahr nach der ersten unabhängigen Studie war damit dem zweitgrößten Tabakhersteller in den USA das Problem bewusst. Die Reaktion war jedoch nicht, das Produkt sicherer zu machen. Stattdessen beauftragte man die PR-Argentur Hill and Knowlton. Deren Strategie:

“There is only one problem – confidence, and how to establish it; public assurance, and how to create it – in a long term interim when scientific doubts must remain.”

„Es gibt nur ein Problem – Vertrauen, und wie man es herstellt; öffentliche Sicherheit, und wie man sie schafft – in einer langfristigen Zwischenzeit, wenn wissenschaftliche Zweifel bleiben müssen.“

Das Vertrauen setzte die Tabakindustrie mit einer groß angelegten Werbekampagne um: In hunderten Zeitungen erschien die Anzeige „A Frank Statement to Cigarette Smokers“. Im Namen aller großen Tabakhersteller werden darin die Gefahren heruntergespielt: Es gäbe viele Ursachen für Lungenkrebs, aber keine Beweise dass Zigaretten eine davon sind und sowieso herrscht Uneinigkeit. Die Tabakkonzerne betonen, ihre Produkte seien nicht gesundheitsschädlich. Dennoch prüft man die Vorwürfe, nur um sicher zu gehen – die Gesundheit der Kunden hat schließlich oberste Priorität. Der Konsument soll beruhigt glauben alles wäre in Ordnung.

Die „Aufklärungsarbeit“ der Tabakindustrie

Doch was tat die Tabakindustrie in den nächsten Jahrzehnten? Im Wesentlichen drei Dinge:

1. Beweise fordern

Absolute Beweise für die Kausalität seien notwendig, da die Lage ja unklar wäre – deswegen braucht es mehr Forschung.

2. Forschung manipulieren

Die Tabakindustrie finanzierte teils verdeckt Forschungsprojekte, welche in ihrem Interesse „forschen“. Studien sollen den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krankheiten verwässern – oder die Aufmerksamkeit auf andere Krebsursachen lenken.

3. Diskreditieren & Verwirrung stiften

Unabhängige Studien die Tabak als Ursache feststellten, wurden mit schwammigen Totschlagargumenten schlecht geredet: Es gäbe „keine klinischen Beweise“, unschlüssige Beweise, keine Labornachweise, der Zusammenhang sei nicht statistisch bewiesen oder man behauptete, die Wissenschaft sei sich nicht uneinig – mit Verweis auf gegenteilige Studien, die man teils selbst finanziert oder anderweitig beeinflusst hat.

Sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO wurde unterwandert, beispielsweise in ihrer Studie zu den Auswirkungen von Passivrauchen. Programme zur Eindämmung des Tabakkonsums hat die Industrie dadurch mindestens verlangsamt, teils sogar gestoppt.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele in dieser Richtung, auch in der jüngeren Geschichte. So verklagte Philip Morris (mit rund 16% Marktanteil weltweit) beispielsweise 2010 die Republik Uruguay auf 25 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Das Land hat die Tabakgesetze verschärft, da 40% der Bevölkerung rauchten. Der Tabakhersteller konnte durch ein Investitionsschutzabkommen klagen – CETA und TTIP lassen grüßen.

Die Strategie bröckelt

Mit Ihrer Strategie aus Verwirren, Manipulieren und Ablenken hatte die Tabakindustrie fast 50 Jahre lang Erfolg. Erst in den 1990er Jahren wurde der Druck langsam stärker. 1994 wurden die Top-Manager der sieben größten Tabakkonzerne vom Untersuchungsausschuss für Gesundheit und Umwelt befragt. Unter Eid betonten alle, dass Nikotin nicht süchtig machen würde.

In der 6-Stündigen Befragung kamen weitere Dinge ans Licht, die zuvor noch nie offiziell bestätigt wurden:

  • Tabakkonzerne manipulieren den Nikotingehalt – allerdings beteuern sie, dass geschehe nicht um den Konsument süchtig zu machen, sondern zur Verbesserung des Geschmacks
  • Herr Campbell von Philip Morris gab zu, sowohl 1983 als auch 1985 die Veröffentlichung einer Studie gestoppt hat – Sie belegte die Nikotinabhängigkeit von Tieren. Zuvor leugnete der Konzern vehement, etwas damit zutun zu haben.

Herr Johnston von Reynolds entschuldigte sich für die Werbung mit Joe Camel. Die Cartoon-Figur wurde in den späten 1980er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre für die Zigarettenmarke Camel genutzt und war eine der erfolgreichsten Werbekampagnen, die es in der gesamten Tabakindustrie je gab. Studien aus den frühen 90ern zeigen, dass Joe Camel im Bundesstaat Georgia bei 6-Jährigen Kindern fast genau so bekannt war wie Mikey Mouse. Der Marktanteil von Camel bei minderjährigen Rauchern habe sich dadurch von wenigen Prozent auf rund 1/3 erhöht. Mehrere Klagen folgten, die 1997 in einem Vergleich endeten: Der Tabakhersteller zahlte 10 Millionen US-Dollar und ersetzte Joe Camel.

Ein leitender Angestellter des Tabakherstellers Lorillard (Dr. Alexander Spears) gab zu, dem Kongress gefälschte Daten vorgelegt zu haben: Die manipulierten Daten zeigten, dass der Nikotingehalt in den Zigaretten um 10% abgenommen habe. Im originalen Bericht war jedoch eine Zunahme um 10% festgestellt worden.

Der CEO von Lorillard Tobacco Company bestritt, dass Rauchen eine Reihe an Krankheiten auslösen könnte. Dennoch gaben alle Führungskräfte an, dass sie es vorziehen würden, wenn ihre eigenen Kinder nicht rauchen – selbst jene Väter, die selbst rauchen.

Schadensersatzklagen in Milliardenhöhe

Mit der Zeit kam es zu immer mehr Klagen gegen Tabakkonzerne – die sich nach wie vor keiner Schuld bewusst waren. Ein CEO verglich die Gefahren seiner Zigaretten beispielsweise mit denen anderer alltäglicher Produkte, wie Cola.

Doch 1998 unterschrieben die 4 größten Tabakkonzerne sowie Generalstaatsanwälte von 48 Bundesstaaten das Master Settlement Agreement. Dies war ein Vergleich eines nie dagewesenen Ausmaßes. Er entstand durch Klagen im Gesamtvolumen von 206 Milliarden US-Dollar. Inhaltlich geht es darum, den Tabakkonsum zu reduzieren, vor allem bei Jugendlichen. Außerdem wurden diverse fragwürdige Werbemethoden verboten.

Neben diesem riesigen Vergleich folgten weitere, kleinere Klagen. Etwa von den zwei übrigen Bundesstaaten. Die grundsätzliche Haltung der Tabakindustrie änderte das aber nicht: Wo man keinen anderen Ausweg sah wurde bezahlt, um einer Verurteilung zu entgehen. Anschließend ging es mit der Tagesordnung weiter.

Beispielsweise auch in Deutschland: Hier wurde die Branche mit ihrem 1948 gegründeten „Verband der Cigarettenindustrie“ (VdC) sehr mächtig. Er zählte zu den einflussreichsten Verbänden im ganzen Land und boykottiert seit den 70ern über Jahrzehnte hinweg wirksame Schutzmaßnahmen gegen Tabakrauch. Mehrere Gesetzesänderungen wurden sogar 1:1 vom VdC formuliert und übernommen. Unter anderem etwa 2006, als der Verband erfolgreich ein Rauchverbot verhinderte.

(K)Eine Verschwörung?

Leider ist das kein Drehbuch für einen schockierenden Film. Der Großteil der Informationen stammt von den Tabakkonzernen selbst: Nachdem ihr manipulatives Gerüst in den 90ern zunehmend bröckelte, wurden sie 1998 zur Veröffentlichung ihrer Akten gezwungen. Millionen interner Unterlagen wie Studien, Briefe, Memos usw., teils als streng geheim klassifiziert, sind seit dem in den Internetarchiven der University of California einsehbar.

Neben den bereits erwähnten Zitaten befindet sich darin eine große Masse an belastendem Material, dass die perfiden Vorgehensweisen dokumentiert. Zum Abschluss ein paar weitere Originalzitate:

„Ignorance is bliss“

„Unwissenheit ist ein Segen“ heißt es in einem internen Memo. Dabei bezog man sich auf die bewusste Unterdrückung von Forschungsergebnissen, sodass man offiziell behaupten konnte, nichts davon zu wissen.

„The most important type of story is that which casts doubt in the cause and effect theory of disease and smoking. […]“

„Die wichtigste Art von Geschichte ist die, die Zweifel an der Ursache-Wirkungs-Theorie von Krankheit und Rauchen weckt.“

Von Hill and Knowlton, 1968.

„Let’s face it. We are interested in evidence which we believe denies the allegations that cigarette smokingcauses disease.“

„Seien wir ehrlich. Wir sind an Beweisen interessiert, von denen wir glauben, dass sie die Behauptungen, dass Zigarettenrauchen Krankheiten verursacht, widerlegen.“

Leiter der Forschung und Entwicklung von Philip Morris, 1970

„We were targeting kids, and I said at the time it wasunethical and maybe illegal, but I was told it was justcompany policy.“

„It would be stupid to ignore a growing market. I can’t answer the moral dilemma. We are in the business of pleasing our shareholders.“

„Es wäre dumm, einen wachsenden Markt zu ignorieren. Das moralische Dilemma kann ich nicht beantworten. Unser Geschäft ist es, unsere Aktionäre zufrieden zu stellen. “

PR-Mitarbeiter, 1988

„“[My marketing brief was to] attract young smokers to replace the older ones who were dying or quitting […] I was part of a scam, selling an image to young boys. My job was to get half a million kids to smoke by 1995”

„Mein Marketingauftrag war es, junge Raucher anzulocken, um die älteren zu ersetzen, die starben oder aufhörten […] Ich war Teil eines Betrugs, verkaufte ein Image an junge Menschen. Mein Job war es, bis 1995 eine halbe Million Kinder zum Rauchen zu bringen“

Dave Goerlitz sagte dies 1992 gegenüber der Sunday Times. Er war 7 Jahre lang Hauptmodel von RJ Reynolds.

Fazit

Dies war nur ein kleiner Auszug. All diese Unterlagen belegen: Die großen Tabakkonzerne haben sich weltweit und über Jahrzehnte hinweg miteinander verschworen, um die Gesundheitsgefahren ihrer Produkte zu vertuschen. Man wollte ungestört Geld verdienen – auf Kosten der Konsumenten, die als Folge erkranken oder sterben. Dabei wurde selbst vor Kindern und Jugendlichen keinen Halt gemacht.

Nun seid ihr gefragt: Waren euch die Maschenschaften der Tabakindustrie bewusst? Was denkt ihr darüber? Schreibt es gerne in die Kommentare oder besucht uns auf U-Labs.de. Tschüss, bis zum nächsten Mal!

Quellen

Allgemein
https://learning.blogs.nytimes.com/on-this-day/
https://static01.nyt.com/images/section/learning/general/onthisday/pdf/01111964article.pdf
https://profiles.nlm.nih.gov/spotlight/nn/feature/smoking

https://powerbase.info/index.php/Hill_and_Knowlton:_Corporate_Crimes#Big_Tobacco
https://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm4843a2.htm
https://www.who.int/tobacco/media/en/TobaccoExplained.pdf
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1470431/ (Beispiele aus Deutschland in „Box 1“)
https://www.eea.europa.eu/publications/late-lessons-2/late-lessons-chapters/late-lessons-ii-chapter-7
https://truthinitiative.org/research-resources/harmful-effects-tobacco/how-big-tobacco-made-cigarettes-more-addictive
https://web.archive.org/web/20070706083053/http://legacy.library.ucsf.edu/doc_research_mangini.jsp

„Joe Camel“ Werbekampagne
https://www.sourcewatch.org/index.php/Joe_Camel_advertising_campaign
https://abcnews.go.com/Archives/video/july-10-1997-end-joe-camel-ads-10616510
https://winstonwatchman.com/wp-content/uploads/2017/07/joe_020-1170×1555.jpg
http://tobacco.stanford.edu/tobacco_web/images/tobacco_ads/targeting_teens/joe_camel/large/joe_003.jpg

Anhörung 1994
https://www.nytimes.com/1994/04/15/us/tobacco-chiefs-say-cigarettes-aren-t-addictive.html
https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1994/04/15/784079.html?pageNumber=20

Master Settlement Agreement 1998
https://www.naag.org/our-work/naag-center-for-tobacco-and-public-health/the-master-settlement-agreement/

Schadensersatzklage gegen Uruguay
https://www.dw.com/de/rechtsstreit-um-geld-oder-leben/a-17669263
https://www.independent.co.uk/news/business/analysis-and-features/big-tobacco-puts-countries-trial-concerns-over-ttip-deals-mount-9807478.html

Frank Statement
https://www.tobaccofreekids.org/assets/factsheets/0268.pdf
https://www.industrydocuments.ucsf.edu/tobacco/docs/#id=zkph0129

VdC Einfluss in Deutschland
https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/sonstVeroeffentlichungen/German_Tobacco_Indust_Report_deutsch.pdf
https://www.aerzteblatt.de/archiv/54940/Tabakindustrie-und-Aerzte-Vom-Teufel-bezahlt
https://www.faz.net/aktuell/politik/verbraucherschutz-union-stellt-klar-wollen-zigaretten-nicht-verbieten-1227940.html
https://www.welt.de/wissenschaft/article2263181/Wie-die-Tabaklobby-die-Politik-beeinflusst.html
https://www.theguardian.com/society/2014/mar/12/marlboro-marketing-campaign-aimed-young-people-cigarettes-report

Icons
www.flaticon.com von Freepik
www.flaticon.com von Smashicons
www.flaticon.com von surang
www.flaticon.com von Berics
www.flaticon.com von Vectors Market
www.flaticon.com von Eucalyp
Adrian Frutiger Logotype: The World Health Organization – File:World Health Organization Logo.svg, Gemeinfrei

Über DMW007

Schreibe einen Kommentar