Der Plattformverfall (Enshittification) zeigt sich bei Windows 11 derart ausgeprägt, wie kaum woanders. Und schreitet stetig voran. Doch das ist nur der Anfang. Andere Branchen beobachten aufmerksam, wie erfolgreich Microsoft damit ist. Und übernehmen diese Methoden, um finanziell zu profitieren – oft auf Kosten der Nutzer und Kunden. Sie normalisieren, dass Käufer zunehmend die Kontrolle über ihre Geräte verlieren. Teils von einem Tag auf den anderen, ohne Vorankündigung. Große Marken bieten keinen Schutz, im Gegenteil. Jüngst sind mit VW und Audi etwa zwei der größten deutschen Automarken betroffen.
Was ist ein Betriebssystem?
Frühe Computer kannten keine Betriebssysteme. Anfangs lief dort nur ein einziges Programm, das direkt gestartet wurde. Das war schnell und unkompliziert, hatte jedoch einen großen Nachteil: Es musste an jede Hardware angepasst werden, da es direkt mit ihr kommuniziert. Mit dem Wachstum des PC-Markts wurde das zu einem immensen Aufwand. Spätestens mit Parallelisierung und Mehrbenutzer-Systemen stieß dieser Ansatz an seine Grenzen.
Betriebssysteme lösten zwei Probleme: Sie abstrahieren die Hardware, sodass Programme nicht mehr für jeden PC angepasst werden müssen. Außerdem koordinieren sie mehrere laufende Programme – beispielsweise durch Zuteilung von Prozessorzeit und Speicher. Über die Jahrzehnte kamen weitere Aufgaben hinzu, etwa Benutzer und (Datei-) Rechte. Darüber hinaus bringen Betriebssysteme üblicherweise grundlegende Programme mit. Bekannte Beispiele sind Datei-Explorer, Taschenrechner und Texteditor.
Längst hat sich dieser Ansatz durchgesetzt. Das direkte Ausführen von Programmen ohne Betriebssystem war in den 1970er Jahren üblich. Heute ist es die Ausnahme. Ein Betriebssystem soll dem Nutzer helfen, seinen Computer optimal und flexibel zu verwenden.
Windows 11 bringt Werbeflut ins Betriebssystem
Es ist äußerst schwer vorstellbar, dass Werbung diesem Zweck dient. Doch das hielt Microsoft nicht davon ab. Mit Windows 10 wurde erstmals getestet, Nutzer dadurch zusätzlich zu monetarisieren. Viele zeigten sich davon genervt. Auch das war kein Grund für Microsoft, die Werbung in Windows 11 nicht noch weiter auszubauen.
Ein Beispiel von vielen sind die Einstellungen. Sie wurden ab Windows 10 überarbeitet, um die klassische Systemsteuerung zu ersetzen. Vor lauter Werbung fürs Daten sammeln, Microsoft 365 Cloud-Abo, OneDrive Cloud-Abo und dem hauseigenen Copilot „KI“-Dienst muss man als Nutzer die Einstellungen zunächst finden.
Manch einer mag darüber vielleicht noch hinweg sehen können. Schließlich öffnet man die Einstellungen nicht täglich, wie etwa den Browser oder das E-Mail Programm. Doch Microsoft hat längst dafür gesorgt, dass die Werbung trotzdem gesehen wird. Beispielsweise in Form von Benachrichtigungen. Sie öffnen sich unaufgefordert und legen sich über das geöffnete Fenster. Werbung ist damit längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil des Betriebssystems geworden.
Windows 11 einzurichten ist eine Herausforderung geworden
Es ließen sich unzählige weitere Stellen nennen, an denen Microsoft Werbung tief ins Betriebssystem verankert hat. Doch es fängt bereits weit vor der normalen Nutzung des PCs an. Nach der Installation von Windows öffnet sich das sogenannte OOBE (Out-of-the-Box-Experience). Seit geraumer Zeit soll dieser Assistent das frische Windows für den Benutzer grundlegend einrichten. Ursprünglich ging es dabei hauptsächlich um das Anlegen eines Benutzerkontos. Seit Windows 10 sammelt Microsoft massiv Daten über das Nutzerverhalten. Damit fing das OOBE an, deutlich umfangreicher zu werden. Zunächst kamen Datenschutzeinstellungen hinzu.
Die Einrichtung von Windows 11 dagegen fühlt sich an, als würde man von einer Horde an Verkäufern bedrängt werden: Microsoft wirbt für nahezu jeden erdenklichen Dienst, den sie als Abo verkaufen. Sogar psychologische Verkaufstricks kommen zum Einsatz, um Nutzer in ein Microsoft 365 Cloud-Abo zu locken. Antimuster (Dark Pattern) suggerieren dem Anwender, er müsse das durchführen, um die Einrichtung abschließen zu können.
An mehreren Stellen genügt jeweils ein unbedarfter Klick, um sich ein Abo an den Hals zu binden. Nicht auf unseriösen pornografischen Webseiten. Sondern im offiziellen Betriebssystem des größten Anbieters der Welt. Besonders fragwürdig: Beim PC Game Pass Abo gesteht Microsoft dem Nutzer nicht einmal mehr zu, die Werbung abzulehnen. Sondern erlaubt lediglich „Vorerst überspringen“.
Der Cloudzwang ist längst Realität
Windows 11 wird seit dem Erscheinen stark kritisiert. Hauptsächlich wegen der hohen Systemanforderungen, die sich nicht technisch begründen lassen. Aber auch wegen des schleichend eingeführten Cloudzwang. Bereits die erste Windows 11 Version zwang Nutzern zu einem Microsoft Cloud-Konto, wenn sie die günstigste Home-Lizenz verwenden. Das ist ein Novum: Zuvor hat der Konzern mit Dark Patterns zwar unerfahrene Windows 10 Nutzer manipuliert, damit sie Cloud-Konten nutzen. Doch es war über einen versteckten Knopf weiterhin möglich.
Ganz anders Windows 11: Hier wird der Nutzer zunehmend zu einem Cloudkonto gezwungen. Der Assistent zur Einrichtung erlaubt längst keine lokalen Konten mehr. Zuvor ließ sich dies leicht umgehen, in dem Anfangs der dezente „Ich habe kein Internet“ Knopf gedrückt wurde. Später musste man die Internetverbindung trennen, damit er sichtbar ist. Inzwischen lassen sich normale lokale Konten nur noch über umständliche Hacks per Registry-Schlüssel anlegen, oder per automatisierter Installation.
Dein Windows-PC gehört dir nicht (mehr)
Dies macht eine weitere Entwicklung sichtbar: Windows als proprietäre Software nutzt seine Machtstellung, um Nutzer zu kontrollieren. Auf Computern, die sie selbst gekauft und bezahlt haben. Grundsätzlich war das bei proprietärer Software schon immer ein Problem. Der Hersteller entscheidet, wie die Software verwendet werden darf, welche Funktionen entfernt oder verändert werden und welche Bedingungen der Nutzer akzeptieren muss. Wirkliche Kontrolle über das System besitzt damit nicht der Anwender, sondern der Anbieter.
Doch es ist bemerkenswert, wie stark dieser Kontrollverlust in Windows zugenommen hat. Windows installiert ungefragt neue Anwendungen, blendet Werbung ein, drängt Nutzer zu Cloudkonten und verändert regelmäßig Einstellungen. Teilweise verschwinden Funktionen oder werden durch Online-Dienste ersetzt.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Updates von Windows. Immer wieder installiert Microsoft automatisch neue Funktionen, Werbeeinblendungen oder Änderungen an der Oberfläche. Teilweise werden Systeme sogar gegen den Willen der Nutzer auf neue Windows-Versionen aktualisiert. Der Computer wird dadurch zunehmend zu einer Plattform, die nicht mehr primär den Interessen des Besitzers dient — sondern denen des Herstellers.
Die Abhängigkeit von Software steigt
Der eigene Computer ist längst nicht mehr das einzige Gerät, über das Nutzer Kontrolle verlieren. Wer geschlossene Systeme nutzt, besitzt zwar den Computer. Aber nur eingeschränkte Kontrolle darüber. Während Windows die Risiken mehr als deutlich vor Augen führt, ist dies keineswegs nur auf PCs und Laptops beschränkt. Immer mehr Geräte in unserem Alltag nutzen Software, die oft proprietär ist. Ein Teil läuft in externen Cloud-Diensten, von denen die Nutzer abhängig sind.
Ein aktuelles Beispiel sind die Automarken VW und Audi. Dank der HomeAssistant-Community können diese zur freien Heimautomatisierung genutzt werden. Etwa, um Solar-Überschuss zum Laden des E-Autos zu verwenden. Das funktionierte – bis VW dies am 26.05.2026 ohne Vorankündigung abschaltete.1 Selbst eine kostenpflichtige Option wird nicht angeboten. Dies zeigt: Kunden sind solchen geschlossenen Systemen nahezu schutzlos ausgeliefert. Er besitzt zwar weiterhin das Fahrzeug, kann es jedoch nur noch eingeschränkt nutzen.
Bei den Kindle E-Book-Readern hat Amazon entschieden, dass diese nach Ende der Unterstützung keine Bücher mehr über Amazon kaufen dürfen. Hacker diskutieren, wie sich die künstlichen Einschränkungen der proprietären Firmware umgehen lassen.2 Dies kann allerdings aufwändig werden. Außerdem ist es eine rechtliche Grauzone. Selbst gekaufte Geräte verlieren nachträglich ihre Funktionen, wenn der Hersteller das so entscheidet.
Bose zeigt, wie es (etwas) besser gehen könnte
Bose schaltete 06.03.2026 die Cloud-Funktionen zur Heimautomatisierung für die „Soundtouch“-Reihe ab.3 Anders ausgedrückt: Der bis dahin smarte Lautsprecher verliert viele seiner intelligenten Funktionen. Das Grundproblem ist ebenfalls unfreie Software, die Bose nicht mehr unterstützen möchte. Die offizielle Infoseite stellt dies falsch dar und behauptet, man „könne“ das „nicht mehr aufrechterhalten“. Technisch möglich ist das jedoch, so wie es das bisher auch war. Bose entscheidet lediglich, die Infrastruktur nicht weiter zu betreiben.4
Abgesehen davon geht das Unternehmen immerhin einen Schritt auf die Nutzer zu: Sie veröffentlichen die Spezifikationen ihrer proprietären Schnittstelle (API). Das ist zu begrüßen, weil es der Gemeinschaft hilft, eigene Lösungen zu entwickeln. Allerdings ist das nur die Spitze des Eisbergs. Noch hilfreicher wäre es, wenn Bose den Code ihrer Server-Komponente quelloffen machen würde. So könnte jeder die Infrastruktur selbst weiter betreiben – ohne, dass vorher jemand alles neu entwickeln muss, was beim Unternehmen in der Schublade liegt.
Fazit: Du entscheidest, wie stark du eingeschränkt wirst
Die nachhaltigste Lösung besteht in der Verwendung freier Software. Sie gibt Nutzern die Kontrolle zurück. Bei Windows ist das noch vergleichsweise einfach: Es lässt sich durch GNU/Linux ersetzen. Andere Bereiche sind längst geschlossener. Bei zunehmend mehr Smartphones hat der Nutzer bereits die Kontrolle über sein Eigentum weitgehend verloren.
Der Fall Bose zeigt, welche Richtung selbst bei proprietärer Software möglich ist. Nach Nutzerbeschwerden hatte der Hersteller die Abschaltung verschoben und die Spezifikationen veröffentlicht. Auch wenn das für viele noch keine zufriedenstellende Lösung ist: Die Kunden haben wesentlichen Einfluss darauf, ob Unternehmen mit zunehmendem Plattformverfall (Enshittification) durchkommen. Oder mehr liefern müssen, um keine finanziellen Einbußen zu erleiden.
Daran entscheidet sich, wem digitale Geräte in Zukunft dienen: Ihren Käufern und Nutzern – oder ihren Herstellern.
Quellen
- https://www.heise.de/news/VW-kappt-mit-API-Aenderung-Besitzern-Zugriff-auf-eigene-Fahrzeugdaten-11312757.html ↩︎
- https://tarnkappe.info/artikel/e-books/amazon-kappt-support-fuer-alte-kindle-geraete-nutzer-setzen-auf-jailbreaks-329221.html ↩︎
- https://borncity.com/blog/2026/05/06/bose-soundtouch-geraete-ab-heute-funktionsreduziert-6-mai-2026/ ↩︎
- https://www.bose.de/soundtouch-end-of-life ↩︎






