StartseiteSoftwareBrowserkrieg 1: So kämpfte Microsofts Internet Explorer gegen Netscape, um das Web zu erobern – und anschließend tief zu fallen

Browserkrieg 1: So kämpfte Microsofts Internet Explorer gegen Netscape, um das Web zu erobern – und anschließend tief zu fallen

Nachrichten, Informationen, Soziale Netzwerke, Einkaufen – all das wird vom World Wide Web (WWW) ermöglicht. Dieser Teil des Internets ist heutzutage aus dem Alltag nicht mehr weg zu denken. Auf jedem Computer, Laptop, Smartphone und Tablet ist daher ein Browser installiert. Doch die Technik dahinter ist vergleichsweise jung.

Im Herbst 1990 erschien unter dem Name WorldWideWeb der erste Internetbrowser. Zu Beginn der 1990er Jahre bestand das Web nur aus nahezu reinem Text und war wenig verbreitet. Die erste Internetseite aus dem Jahre 1991 ist info.cern.ch und vermittelt einen Eindruck, wie Internetseiten damals aussahen. Am CERN entwickelt war das Ziel, Forschungsergebnisse möglichst einfach auszutauschen. Der Fokus lag daher auf Text mit minimalen Gestaltungsmöglichkeiten, mehr konnte der erste Browser nicht anzeigen.

WorldWideWeb Browser von 1994 (Quelle: Tim Berners-Lee/CERN)

Das Web wird bunt

Doch das änderte sich schnell: 1994 bot der Netscape Navigator damals neuartige Funktionen wie Tabellen und mehr Farben. Die Verbreitung des Internets stieg stark an und Netscape wurde mit Abstand zum führenden Webbrowser.

Netscape Navigator 4 unter Windows 95 (Quelle)

Microsoft erkannte die Bedeutung des WWW vergleichsweise spät. Erst 1995 erschien die erste Version 1.0 des Internet Explorers. Durch die hastige Entwicklung lief er exklusiv unter Windows 95. Nicht aber etwa unter dem erst wenige Monate zuvor erschienenen Windows NT 3.5. Doch erst ab Version 3.0 (1996) konnte der IE mit Netscape mithalten und wurde fortan kostenlos verteilt. Bis dahin musste Microsofts Browser zusätzlich zu Windows gekauft werden.

Sowohl Netscape als auch Microsoft nutzten den 1993 an der Universität NCSA entwickelten Browser Mosaic als Grundlage. Er konnte Bilder ohne händisches Nachladen anzeigen und war kurzzeitig sehr beliebt. Anfangs stand Mosaic als freie Software jedem zur Verfügung. Bis 1994 die Universität das Unternehmen Spyglass mit der kommerziellen Vermarktung verkaufte. Dieses verdiente zu dieser Zeit viel Geld durch die Lizenzierung von Mosaic. Nicht nur an Microsoft, sondern auch andere Kunden.

Die ersten Versionen des IE basierten auf Mosaic (Quelle: Archive.org)

Es setzt sich nicht immer die technisch beste Software durch

Doch Mosaic war damals weder der Erste, noch der Beste Browser: ViolaWWW erschien bereits 1992 und war seiner Zeit weit voraus. Er beherrschte beispielsweise eine Stylesheet-Sprache, um das Aussehen vom Layout zu trennen – zum heutigen CSS recht ähnlich. CSS wurde jedoch erst 1998 entwickelt. Auch ein Vorläufer von JavaScript war vorhanden, womit die bislang statischen HTML-Seiten interaktiv wurden.

Dennoch erreichte ViolaWWW nie die breite Masse, da er für Unix entwickelt wurde. Zu dieser Zeit wuchs Microsoft aber stetig und war auf dem Weg zu seiner Monopolstellung. Mosaic erschien anfangs ebenfalls für Unix und einige weitere Betriebssysteme abseits von Microsoft. Man erkannte jedoch die Dominanz von Windows und portierte den Browser daher kurze Zeit später sowohl für Windows 95 als auch 3.11. Selbst Microsoft stellte seinen schnell entwickelten IE nur für Windows 95 bereit. ViolaWWW wurde nicht auf andere Betriebssysteme portiert.

Die Gefahr für Microsoft

Bereits damals zeichnete sich ab, dass immer mehr im Browser gemacht werden kann. Zwar nicht in der Form wie wir es heute kennen. Aber durch Technologie wie Java war es durchaus realistisch, den Browser als zukünftige Anwendungsplattform zu sehen. Da Netscape auf vielen Systemen lief, hatte Microsoft große Angst, das Betriebssystem würde immer unwichtiger – und damit eine Gefahr für ihre Monopolstellung von Windows.

Verbreitung von Windows bei neuen PC-Verkäufen

Bill Gates erkannte dies spät, wollte nun aber voll durchstarten. Es gab eine Konferenz zwischen Netscape und Microsoft. Deren Ablauf ist bis heute stark umstritten: Laut Microsoft war es ein normales Geschäftsmeeting, bei dem man Interesse bekundete, den Browser zu kaufen. Netscape berichtete darüber ganz anders. Sie erheben schwere Vorwürfe und behaupten, Microsoft habe Ihnen ein Angebot, dass man nicht ablehnen kann, gemacht: Entweder verkaufen sie für eine Million ihr komplettes Unternehmen an Gates. Oder Microsoft wird ihren Browser einfach kopieren und sie damit aus dem Markt drängen. Netscape war gewillt sich mit Microsoft anzulegen und lehnte ab.

Microsoft investierte darauf hin massivst in den IE und versuchte, einen Brower ähnlich wie Netscape Navigator zu entwickeln: Anfangs 1995 bestand das Team aus 5-6 Personen. Bei Version 3.0 war es auf 100 Menschen angewachsen und 1999 arbeiteten über 1.000 Mitarbeiter am Internet Explorer Browser, wie einer der Entwickler berichtet. Das Unternehmen integrierte schließlich den Internet Explorer tief in Windows, sodass er zusammen mit dem Betriebssystem ausgeliefert wird. Für viele PC-Nutzer war das Web völlig neu. Sie bedienten zum ersten Mal einen Browser und kannten keinen Vergleich bei z.B. den Funktionen. Daher gab es in dieser Zeit für viele keinen Anlass, um Alternativen auch nur auszuprobieren oder gar zu wechseln.

Microsoft betrieb zudem aggressive Lobbyarbeit: PC-Hersteller bekamen etwa Geld, wenn sie für Microsofts Browser warben. Der Softwarekonzern bezahlte sogar mehrere große Unternehmen dafür, ihre Software umzustellen, damit sie nur mit dem IE funktioniert. Einer davon war AOL (America Online), hier waren 18 Millionen Kunden betroffen. Später wurden PC-Hersteller auch erpresst: So wurden ihnen etwa keine Windows-Lizenzen verkauft, wenn sie ihre Computer mit Netscape statt dem IE ausliefern.

Visuelle Zeitleiste zur Verbreitung der Browser von 1996 bis 2019 (Quelle: Data Is Beautiful)

Diese Maßnahmen kostete über 100 Millionen US-Dollar pro Jahr – doch Microsofts 1996 formuliertes Ziel, man wolle dass die Menschen Internet mit Microsoft verbinden, schien mit Version 4.0 erreicht. Im Jahr 2001 verfügte der Internet Explorer sogar über einen Marktanteil von fast 90 %. Netscape konnte mit diesen massiven Mitteln nicht mithalten und sank in den 6 Jahren von 80 % auf nur noch rund 10 % ab. Zu seiner besten Zeit hatte der IE 2001 sogar 96 % Marktanteile. Microsoft hatte den ersten Browserkrieg gewonnen, da kein relevanter Konkurrent mehr übrig geblieben ist.

Dennoch erwirtschaftete der Investor von Netscape fast 2 Milliarden US-Dollar für eine Investition von 5 Millionen. Das veranschaulicht, um welche Dimensionen es damals in dieser Branche ging.

Das Microsoft-Web

Nachdem 2001 der Internet Explorer 6 erschien, löste Microsoft das riesige Entwicklerteam nahezu komplett auf. Die Entwicklung kam Jahrelang zum Stillstand. Doch Microsofts Sieg blieb nicht ohne Spuren: Beide Seiten versuchten in den Jahren zuvor, den HTML-Standard möglichst inkompatibel zum anderen zu erweitern. Netscape entwickelte z.B. das heutige JavaScript, Microsoft reagierte mit der proprietären Erweiterung JScript. Der Internet Explorer besaß eine eigene Java-Laufzeitumgebung, die in Netscape Probleme verursachte und so weiter. Viele Seiten wurden daher für den Internet Explorer „optimiert“, nachdem er zur Jahrtausendwende „der“ Browser war.

Hat Microsoft seine Marktmacht illegal missbraucht?

Doch obwohl der erste Browserkrieg (1995 – 2001) mit allen Mitteln gewonnen wurde, hatte er Folgen. Microsofts Umgang mit Netscape erregte die Aufmerksamkeit der Justiz: Der Konzern wurde 1998 von Justizministerium und 20 Bundesstaaten verklagt. Der Vorwurf des Kartellverfahrens: Ausnutzung der Marktmacht und Einsatz von Erpressung, um Netscape zu zerstören – zu Lasten der Verbraucher.

Für Bill Gates eine völlig neue Situation. Er ist gewohnt, selbstbewusst seinen Willen zu bekommen. Einmal soll er sogar gesagt haben, dass er so mächtig ist wie der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Belegen lässt sich dies nicht, aber Fakt ist: 1995 wurde Gates zum ersten Mal zur reichsten Person auf der ganzen Welt.

In den zahlreichen Verhören musste der CEO dagegen unangenehme Fragen beantworten. Dabei wirkte er vergleichsweise wenig selbstsicher und glaubwürdig. So behauptete er beispielsweise, einen Briefkopf noch nie gesehen zu haben – obwohl Microsoft ihn für alle Briefe verwendet hatte und er im vorherigen Verlauf der Vernehmung auf zahlreichen Dokumenten sichtbar war.

Im Jahre 2000 wird Microsoft in allen Anklagepunkten für Schuldig gesprochen. Das Monopol bedrohe den Wettbewerb und die Innovation. Die US-Regierung fordert die Zerschlagung in zwei getrennte Unternehmen: Eines für das Betriebssystem Windows, das andere für Anwendungsprogramme. Microsoft geht dagegen in Berufung. Die neue Regierung unter George W. Bush empfindet die Spaltung als zu hart und hebt diesen Teil der Strafe auf. Doch der Schuldspruch wird nicht aufgehoben: Microsoft hat seine Monopolstellung illegal missbraucht, lautet das Urteil.

Schlussendlich einigen sich beide Parteien auf einen Vergleich. Zusätzlich dazu verlor die Aktie alleine am Aktienmarkt 30 Milliarden US-Dollar, nachdem Microsoft schuldig gesprochen wurde. Microsoft muss etwa Teile des Quellcodes von Windows veröffentlichen – eben so wie proprietäre Protokolle, die Gates bisher geheim hielt. Außerdem darf der Konzern keine Verträge mehr mit Computerherstellern schließen, damit diese andere Software der Konkurrenz nicht anbietet – wie es mit Netscape getan wurde. Der Fall ging in die Geschichtsbücher ein, selbst 20 Jahre später wurde darüber berichtet.

Alles hier beschriebene sind übrigens keine Vermutungen oder Mythen, sondern belegte Informationen. Vieles ist sogar aus den offiziellen Gerichtsunterlagen ersichtlich. Unter anderem die Tatsache, dass Microsoft seine Monopolstellung wie zuvor beschrieben in Gefahr sah. In diesem Prozess wurden übrigens auch Lügen von Bill Gates entlarft. Die Forderung den Internet Explorer von Windows zu trennen, lehnte er beispielsweise ab, da das angeblich technisch nicht möglich sei. Später musste er eingestehen, dass es mit Windows XP Embedded sogar bereits eine modulare Windows-Version gibt. Neben dem IE müssen dort noch weitere Microsoft-Programme bei Bedarf von Hand nachinstalliert werden, wie etwa der Windows Media Player oder Explorer.

Wie es mit Microsoft nach der Verurteilung weiter ging

Gates zieht sich zunehmend zurück und übergibt seinen Chefposten als CEO an Steve Ballmer. Das ist der Mann, der energiegeladen auf der Bühne herumhüpft, um nach Entwicklern zu schreien. Aber auch 2001 Linux als „Krebsgeschwür“ bezeichnete. Und 2003 seinen Urlaub unterbrach, um Münchens Bürgermeister zu überzeugen, nicht von Windows zu GNU/Linux zu wechseln.

Sowohl davor als auch danach hat Microsoft immer wieder gegen Kartellauflagen verstoßen. Etwa wurde das Unternehmen bereits 1994 im Rahmen einer Einigung verpflichtet, Hersteller nicht mehr zur Installation weiterer Programme neben Windows zu zwingen. Alleine gegen Netscape wurde dagegen bereits verstoßen.

Wenig später geriet Microsoft auch mit den Kartellwächtern der EU in Konflikt: Durch die Kopplung des Internet Explorers an das Betriebssystem sah die EU einen Missbrauch der Marktposition. Zudem wurden die Schnittstellen nicht transparent genug gemacht und überteuerte Lizenzgebühren verlangt. Für diese Verstöße zahlte Microsoft 860 Millionen US-Dollar. Außerdem gab es noch weitere Auflagen: Damals musste Microsoft 5 Jahre lang einen Auswahldialog mit verschiedenen Browsern anbieten. Ähnliches kennt ihr vielleicht schon von Google, die 2019 auf ihrem mobilen Betriebssystem ebenfalls dazu gezwungen wurden. Dieser verschwand einige Zeit später jedoch. Laut Microsoft ein Versehen, wodurch 28 Millionen PCs ohne Auswahl mit IE ausgeliefert wurden. Dieses „Versehen“ dauerte ein Jahr und 2 Monate, es kostete weitere 561 Millionen Strafe. Was zunächst viel klingt, ist eine verhältnismäßig milde Strafe. Die EU blieb weit unter dem möglichen Höchstmaß von 5,6 Milliarden Euro

Heute können wir von Auswahldialogen nur träumen: Microsoft versucht seit Jahren auf verschiedener Art und Weise, Windows-Nutzer zum neuen eigenen Edge-Browser zu drängen. Etwa durch Warnmeldungen oder in dem das Ändern des Standardbrowsers bewusst kompliziert gestaltet wird.

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